Kritik

Reaktionen auf die Netzstudie der dena

Fast zehn Milliarden Euro soll der notwendige Ausbau der Stromnetze in den kommenden Jahren kosten, wenn herkömmliche Verfahren zugrunde gelegt werden. Genau daran entzündete sich denn auch die meiste Kritik an der dena-Studie. Die Regierung gab vor, im Zweifelsfall auch mal alternativ zu denken.

Stromzähler© Gina Sanders / Fotolia.com

Berlin (dapd/red) - Die Integration erneuerbarer Energien erfordert einen massiven Umbau des deutschen Stromnetzes. Bei Verwendung herkömmlicher Technik müssen demnach 3.600 Kilometer Höchstspannungstrassen neu gebaut werden, wie eine am Dienstag in Berlin vorgestellte Studie der Deutschen Energie-Agentur (dena) ergab. Laut dena betragen die Kosten für diese "Basisvariante" einschließlich des Anschlusses der Hochsee-Windparks insgesamt 9,7 Milliarden Euro.

In der Studie hat die dena untersucht, wie das Stromnetz in Deutschland bis 2020/25 ausgebaut und für die neuen Herausforderungen optimiert werden kann. Die Bundesregierung erklärte, bei dem geplanten Netzausbau würden die Interessen der Bürger berücksichtigt. Umweltverbände stellten bereits Widerstand gegen die Basisvariante in Aussicht.

Bei der zweiten Option der Studie soll bei bestimmten Witterungsbedingungen durch neue Technik mehr Strom durchgeleitet werden. Da diese Witterungsbedingungen aber nur zeitlich begrenzt aufträten, lasse sich durch dieses Verfahren der Netzausbau nur sehr geringfügig auf 3.500 Kilometer reduzieren, so die dena. Darüber hinaus müssten weitere 3.100 Kilometer der bestehenden Freileitungstrassen im Übertragungsnetz baulich angepasst werden. Die Kosten wären mit insgesamt 9,8 Milliarden etwas höher als in der Basisvariante.

Beim Einsatz von Hochtemperaturleiterseilen ergibt sich laut dena ein Netzausbaubedarf von 1.700 Kilometer neuer Trassen und eine Umrüstung von 5.700 Kilometer bestehender Trassen. Dabei wären die Investitionskosten mit 17 Milliarden Euro wesentlich höher als bei den anderen beiden untersuchten Varianten. Untersucht wurde auch der Einsatz von erdverlegten Gleichspannungstrassen. Laut dena reduzierten diese den benötigten Netzausbau geringfügig auf 3.400 Kilometer, seien aber mit Kosten von 22 bis 29 Milliarden Euro deutlich teurer.

dena fordert Akzeptanzoffensive

dena-Chef Stephan Kohler sagte, gebraucht werde jetzt eine "Akzeptanzoffensive, die bei der Bevölkerung das Bewusstsein schafft, dass Deutschland den Netzausbau braucht". In der nun notwendigen konkreten Trassenplanung könne die Studie als Entscheidungshilfe dienen. "Das fehlende Stromnetz darf nicht zum Flaschenhals werden, der den Ausbau der erneuerbaren Energien bremst", sagte Kohler. Eine 2005 veröffentlichte erste dena-Netzstudie hatte bereits einen Ausbaubedarf von 850 Kilometern bis 2015 ermittelt. Davon wurden laut dena bislang aber erst 90 Kilometer fertiggestellt.

Die Studie wurde getragen und finanziert vom Bundeswirtschafts- und vom Bundesumweltministerium, von Unternehmen und Verbänden der Windenergiebranche, Übertragungsnetzbetreibern, Industrieunternehmen und Verbänden der Energiewirtschaft.

Auch alternative Übertragungstechnologien kommen in Betracht

Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) betonte angesichts des erheblichen Netzausbaubedarfs, der Ausbau müsse kosteneffizient erfolgen. Nur so würden bezahlbare Strompreise für die Wirtschaft und die privaten Haushalte gewährleistet. Dabei dürften aber die Interessen der vom Netzausbau betroffenen Bürger nicht unberücksichtigt gelassen werden. "Deshalb sollten im Einzelfall auch alternative Übertragungstechnologien in Betracht gezogen werden", sagte Brüderle. Künftig soll die beim Ministerium eingerichtete Netzplattform mit den wichtigsten Interessenträgern zum zentralen Impulsgeber für den Netzausbau werden. Angestrebt werde außerdem ein deutschlandweiter Bundesnetzplan, der die Voraussetzung für einen zügigen Netzausbau darstelle.

Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) sagte, der Ausbau sei nur machbar, "wenn die Bevölkerung mitzieht". Jetzt kommt es darauf an, durch Nutzung von innovativen Netztechnologien und flexiblen Stromsteuerungssystemen den Ausbaubedarf weiter zu verringern.

Umweltverbände befürchten Stimmungsmache gegen Bürgerinitiativen

Aus Sicht der Umweltverbände ist eine ausreichende Akzeptanz in der Bevölkerung nur möglich, wenn der Trassenbau auf das wirklich notwendige Maß beschränkt und sozial- und naturverträglich gestaltet wird. Wer ernsthaft versuche, binnen zehn Jahren 3.600 Kilometer neue Überlandleitungen durch Deutschland zu treiben, werde am Widerstand der betroffenen Anwohner und des Naturschutzes scheitern, sagte der Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, Rainer Baake. Die Studie selbst weise den Weg, wie die "Horrorzahl" von 3.600 Kilometern Neubautrassen auf 1.700 Kilometer reduziert werden könne.

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) warnte vor einer Stimmungsmache gegen Bürgerinitiativen, die Netzausbaupläne infrage stellen. Die von der dena aufgestellten Szenarien beruhten zudem auf fragwürdigen Annahmen, sagte der BUND-Energieexperte Thorben Becker.

NABU-Bundesgeschäftsführer Leif Miller kritisierte die Rolle der Energiekonzerne und Netzbetreiber bei der Erarbeitung der Studie.