Pleite

Prokon hat Insolvenz angemeldet

Prokon hat seine Warnung in die Tat umgesetzt. Der Versuch, Anleger dazu zu bewegen, ihr Geld in dem Unternehmen zu belassen, ist gescheitert. Welche Folgen hat die Insolvenz für diejenigen, die ihre Anlagen nicht zurückgezogen haben oder für die 1.300 Arbeitnehmer, die für die Firma tätig sind?

Pipelinebau© ReinhardT / Fotolia.com

Itzehoe (AFP/dpa/red) - Der Windkraftfinanzierer Prokon ist pleite. Das Amtsgericht im schleswig-holsteinischen Itzehoe eröffnete am Mittwoch das Insolvenzverfahren, wie aus einer Mitteilung im Justizportal insolvenzbekanntmachungen.de hervorgeht. Zum vorläufigen Insolvenzverwalter wurde den Angaben zufolge der Hamburger Rechtsanwalt Dietmar Penzlin bestellt.

Damit ist nun klar, dass sich nicht genügend Anleger bereiterklärten, ihre Genussrechte zu behalten. Am Dienstag hatte Prokon noch mitgeteilt, dass rund die Hälfte der Anleger bereit sei, dem Unternehmen mehr Zeit für eine Restrukturierung einzuräumen.

Investor für Windkraft und Bioenergie

Prokon hatte seine Anleger vor elf Tagen überraschend vor einer drohenden Insolvenz Ende Januar gewarnt, sollten sie ihr Kapital abziehen. Das Unternehmen in Itzehoe mit insgesamt 1.300 Mitarbeitern ist ein wichtiger Finanzier von Windparks, investiert aber auch in Bioenergie. Es hatte mit einer festen Verzinsung von sechs Prozent geworben und bis zu acht Prozent Zinsen ausgezahlt. Nach eigenen Angaben konnte das Unternehmen aber zuletzt keinerlei Rück- oder Zinszahlungen leisten.

Was bedeutet die Insolvenz für Stromkunden?

Die Prokon Regenerative Energie GmbH hat seit Anfang 2013 auch bundesweit Stromtarife angeboten. Sollten Sie von Prokon Elektrizität beziehen, gilt erst einmal: Keine Panik. Die ununterbrochene Belieferung mit Strom ist in Deutschland gesetzlich garantiert. Da die Stromrechnungen von Prokon per monatlicher Abschlagszahlung beglichen werden, stehen auch keine hohen Vorauszahlungen auf dem Spiel.

Sollte die Prokon Regenerative Energien GmbH die Stromlieferung einstellen, stehen die Kunden auch nicht ohne Strom da, sondern fallen automatisch in die so genannte Ersatzversorgung des hierfür gesetzlich bestimmten Grundversorgers. "Darüber muss der Kunde aber rechtzeitig informiert werden, so dass er dann auch noch die Möglichkeit hat, zu einem Anbieter seiner Wahl zu wechseln. Außerdem besteht für die Ersatzversorgung keine Kündigungsfrist", weiß Julia Buchweitz, Juristin in der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein.

Hintergrund: Das Unternehmen Prokon

Prokon - die Abkürzung steht für PROjekte und KONzepte - wurde 1995 von Carsten Rodbertus gegründet - mit dem Unternehmensziel, in erneuerbare Energien zu investieren. Zunächst verkaufte Prokon Kommanditanteile an geschlossenen Windparkfonds. Ab 2007 veränderte sich das Geschäftsmodell: Heute finanziert sich Prokon überwiegend über Genussrechtsanteile von Anlegern. Das Unternehmen investiert nicht mehr nur in Windenergie, sondern auch in Biokraftstoffe und Biomasse und ist als Stromversorger tätig. Der 52-jährige Rodbertus steht nach wie vor an der Spitze des Unternehmens.

Sechs Prozent Rendite wurden versprochen

Das Unternehmen wirbt mit einer hoch verzinsten Anlage in ökologisch orientierte Sachwerte wie Windparks. Dabei erweckte Prokon in der Vergangenheit den Eindruck, die Anlage sei sehr sicher. Das Geld floss in 52 Windparks in Deutschland und Polen, eine Ölmühle in Magdeburg, Wälder und einen holzverarbeitenden Betrieb. Als Rendite versprach Prokon seinen Anlegern mindestens sechs Prozent und zahlte auch bis 2013 zuverlässig.

Negativkampagne gegen Prokon?

Prokon finanziert langfristige Investitionsgüter wie Windkraftwerke mit dem kurzfristigen Finanzierungsinstrument der Genussrechte. Wenn viele Anleger sich von ihren Papieren trennen, fehlen flüssige Mittel. Dieser Fall ist nun eingetreten. Insgesamt haben 75.000 Anleger rund 1,4 Milliarden Euro investiert. Es liegen derzeit keine belastbaren Unternehmenszahlen vor. Nach einer "Zwischenbilanz" per Ende Oktober sind bei dem Unternehmen 210 Millionen Euro Verluste aufgelaufen. Die Anleger hätten 330 Millionen Euro Zinsen erhalten. Prokon hat seit Jahren keine geprüften und testierten Konzernberichte veröffentlicht.

Das Unternehmen beschuldigt Medien und Institutionen wie die Stiftung Warentest oder die Verbraucherzentralen, eine Negativkampagne zu betreiben. Anfangsverluste in der Investitionsphase seien normal; Gewinne würden später fließen. Die Anlagegelder seien sicher, weil sie in konkrete Sachwerte wie Windkraftwerke geflossen seien. Das Unternehmen weist jedoch selbst darauf hin, dass im Fall von Notverkäufen für die Sachanlagen nicht der volle Marktpreis erzielt werden könnte. Mittlerweile fallen die Töne moderater aus. "Uns ist klar, dass es Zeit ist, etwas zu verändern", heißt es auf der Internet-Seite.

Anleger können Forderungen anmelden

Die Besitzer von Prokon-Genussrechten haben gegenwärtig keine konkrete Handlungsmöglichkeit. Sie kommen nicht an ihr Geld heran und können im vorläufigen Insolvenzverfahren auch keine Forderungen anmelden - das geht erst nach Eröffnung des Insolvenzverfahrens. Auch eine Zwangsvollstreckung ist nicht möglich, selbst mit einem rechtsgültigen Titel. "Die Anleger können die Anmeldung ihrer Forderungen vorbereiten", sagt der Siegburger Anwalt Marc Gericke. Für eine erfolgreiche Anmeldung komme es darauf an, den Anspruch der Höhe nach zu beziffern und richtig zu begründen.

Anleger stehen hinten an

Eventuell wird das Unternehmen weitergeführt. Bislang ist noch nicht sicher, ob das Insolvenzverfahren eröffnet wird. Das hängt davon ab, was der vorläufige Insolvenzverwalter Dietmar Penzlin bei der genauen Analyse der Unternehmenswerte herausfindet. Sollte es zu einem Insolvenzverfahren kommen, wird sich zeigen, wie viel Geld vorhanden ist, um mögliche Ansprüche von Gläubigern zu befriedigen. Die Anleger haben dann aber eher schlechte Karten, denn als Inhaber von Genussrechten müssen sie sich hinten anstellen; erst werden etwaige andere Forderungen befriedigt, zum Beispiel von Banken, Lieferanten, Sozialversicherungen und Beschäftigten.

1.300 Stellen stehen auf dem Spiel

Ihre Gehälter werden zunächst bis April auf dem Wege des Insolvenzgeldes von der Bundesagentur für Arbeit finanziert. Ob und welche Arbeitsplätze erhalten bleiben, hängt von dem Ergebnis der Bestandsaufnahme des vorläufigen Insolvenzverwalters und dem weiteren Ablauf des Verfahrens ab. Die Entscheidung wird jedoch noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Prokon selbst spricht von "mehreren Monaten", bei Rechtsanwälten, Verbraucherschützern und Insolvenzverwaltern gilt Ende April als realistischer Zeitpunkt, um über eine Eröffnung des Insolvenzverfahrens zu entscheiden.

Quelle: AFP