Einschnitt

Planlos in Biblis: Was kommt nach dem AKW-Aus?

Das Aus ist beschlossene Sache, doch Geschichte ist das Atomkraftwerk im südhessischen Biblis noch lange nicht; die so genannte Nachbetriebsphase und der darauf folgende Rückbau werden Jahre dauern. Das Kardinalproblem: Das AKW ist der größte Arbeitgeber in der Region. Gerade erst haben neue Azubis angefangen.

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Biblis (dapd/red) - Von unmittelbar bevorstehenden Entlassungen des Stammpersonals ist dennoch keine Rede. Sogar neue Auszubildende haben am 1. September dort angefangen - nur einen Tag, nachdem das Ende für Biblis A und B mit der Absage an eine atomare Kaltreserve endgültig besiegelt wurde. Die Frage, wie es auf längere Sicht weitergeht, wird in der Gemeinde Biblis und im Kraftwerk gleichwohl gestellt.

Dabei muss eher in Jahren als in Tagen, Wochen oder Monaten gerechnet werden. Nach Angaben des Öko-Instituts in Darmstadt dauert ein Rückbau mindestens zehn Jahre, kann aber auch die doppelte Zeitspanne in Anspruch nehmen. Zudem kann mit dem Abriss erst nach der sogenannten Nachbetriebsphase begonnen werden, in der die Brennelemente abkühlen müssen. Auch das dauert mehrere Jahre.

Die Nachbetriebsphase hat begonnen

Einen genauen Zeitplan hat der Betreiber, die RWE Power, nicht in der Schublade. Und viel ist zu den weiteren Plänen auch nicht zu erfahren. "Wir befinden uns jetzt in der Nachbetriebsphase", sagt Unternehmenssprecher Jan Peter Cirkel. "Parallel haben wir begonnen, uns in einem Projekt mit der Ausgestaltung der Konzepte für Stilllegung und Rückbau zu beschäftigen."

Mehr möchte Cirkel derzeit nicht zum weiteren Vorgehen sagen. Auch nicht dazu, wie viele Mitarbeiter für die weiteren Schritte noch benötigt werden. Seiner Rolle als Ausbilder kommt das Kraftwerk jedenfalls weiter nach.

Bürgermeisterin befürchtet Abwanderung

Bisher ist das Kraftwerk der größte Arbeitgeber in der kleinen südhessischen Gemeinde mit ihren knapp 9.000 Einwohnern. 1.000 Menschen fanden dort bisher Arbeit, als Beschäftigte von RWE oder bei für das Kraftwerk tätigen Fremdfirmen. Zudem fließen kräftig Gewerbesteuern in die Kasse. Damit ist irgendwann Schluss.

"Wir werden sicher von einer Geber- zu einer Nehmergemeinde", sagt Bürgermeisterin Hildegard Cornelius-Gaus. Für 2011 sei bei der Gewerbesteuer die Rekordsumme von 14 Millionen Euro veranschlagt worden - wegen einer hohen Nachzahlung, aber auch auf Basis der noch im Herbst 2010 von der schwarz-gelben Bundesregierung beschlossenen Laufzeitverlängerung und der damit verbundenen Nachrüstungen.

Weg von der Atomenergie - und dann?

Von der Entwicklung nach dem Reaktorunfall im japanischen Fukushima wurde die Gemeinde geradezu überrollt. "Es gibt für den politischen Schwenk keinen politischen Plan B in der Schublade", sagt Cornelius-Gaus. "Derzeit ist bei uns alles mit Fragezeichen versehen." Ein Konzept für den Strukturwandel werde nun entwickelt.

Dabei setzt die Bürgermeisterin unter anderem auf die Lage ihrer Gemeinde zwischen zwei so wirtschaftsstarken Regionen wie Rhein/Main und Rhein/Neckar und in der Nähe großer Städte wie Frankfurt und Darmstadt. Zudem soll der Bau der S-Bahn ab 2013 den Anschluss nach Mannheim weiter verbessern. Mit dem Ende des Kraftwerks und dem damit verbundenen Wegfall von Arbeitsplätzen befürchtet Cornelius-Gaus dennoch gerade die Abwanderung junger, hoch qualifizierter Leute.

Zukunft der Mitarbeiter ist ungewiss

Zumindest bei den Fremdfirmen haben die ersten Beschäftigten am Kraftwerk ihren Job bereits vor der endgültigen Entscheidung gegen Biblis als sogenannte Kaltreserve verloren. "Von 350 Verträgen für Mitarbeiter von Fremdfirmen werden rund 300 zum Jahresende nicht mehr bestehen", sagt Betriebsratschef Reinhold Gispert.

Für die eigentlichen RWE-Mitarbeiter ist die Zukunft ungewiss. "Viele Kollegen haben Sorgen und Fragen", sagt Gispert, der aber auch nur auf den Jahreswechsel verweisen kann, wenn der Plan für das weitere Vorgehen stehen soll. "Sorgfalt geht vor Geschwindigkeit", mahnt der Betriebsrat zur Geduld.

Jüngere Mitarbeiter, die sich nach anderen Jobs außerhalb der Atomenergie umschauten, würden dabei aber unterstützt, erzählt er. Und die neuen Auszubildenden? Die müssen sich laut Gispert keine Sorgen machen. Ihre Lehren von zweieinhalb bis dreieinhalb Jahren könnten sie auf jeden Fall zu Ende bringen. Auch danach hätten sie gute Chancen. "Ich weiß von keinem Azubi, der auf der Straße gelandet ist", betont der Betriebsratschef.