Kapazitätssteigerung

Pipeline zur Bohrinsel Mittelplate geht in Betrieb (Upd.)

Deutschlands größtes Erdölfeld soll künftig noch stärker angezapft werden. Heute wird dazu eine neue Pipeline von der Bohrinsel Mittelplate vor der schleswig-holsteinischen Nordseeküste zum Festland offiziell in Betrieb genommen. Sie soll die Transportkapazitäten auf 1,6 Millionen Tonnen jährlich erhöhen.

Stromtarife© Andre Bonn / Fotolia.com

Friedrichskoog (ddp-nrd/sm) - Der gewaltige Eingriff in die sensible Natur des Wattenmeeres hat nur wenige Monate gedauert. Der Gewinn an Ruhe für die zahlreichen Bewohner der Nordseeküste wie Wattvögel wird vermutlich etliche Jahre anhalten. Bislang steuerten Schiffe 1000 Mal pro Jahr die vor Friedrichskoog liegende Bohrinsel Mittelplate an, um ebenso oft mit Öl beladen in den Hafen zurückzukehren. Damit ist ab sofort Schluss.

Heute wurde die einzige deutsche Ölförderinsel an eine Pipeline angeschlossen. Knapp 100 Millionen Euro kostete die Verlegung der Rohre auf einer Länge von 7,5 Kilometern durch das Wattenmeer und weiteren 2,8 Kilometern an Land zur Aufarbeitungsanlage Dieksand das Betreiberkonsortium aus RWE DEA und Wintershall. Hinzu kamen weitere 50 Millionen Euro für die notwendige Aufrüstung der Bohrinsel.

Rund 100 Millionen Tonnen Öl lagern in mehreren Gesteinsschichten in einer Tiefe von 2000 bis 3000 Metern unter dem Wattboden. Davon gelten derzeit noch rund 40 Millionen Tonnen als technisch wie wirtschaftlich abbaubar. Weil die übrigen deutschen Lagerstätten nach Angaben der Betreiber weitgehend erschöpft sind, gilt Mittelplate mit knapp zwei Dritteln der nationalen Ölreserven als einziges deutsches Erdölfeld mit Zukunft. Seit 18 Jahren fördern die Energiekonzerne das schwarze Gold vor der Küste Dithmarschens bereits zu Tage. Bislang wurden mehr als 615 Millionen Euro in das Projekt investiert.

Etwa 15 Millionen Tonnen Rohöl wurden bislang störungsfrei gefördert. Durch die Pipeline-Anbindung an das Festland erhöht sich die Produktion des Offshore-Betriebs auf jährlich bis zu 1,6 Millionen Tonnen Öl. Bislang konnten von der Bohrinsel wegen der Transportkapazitäten und der Gezeiten nur höchstens 900 000 Tonnen jährlich abgebaut werden. Im vergangenen Jahr wurden aus dem Feld Mittelplate insgesamt gut zwei Millionen Tonnen Öl gefördert, davon mit einer speziellen Bohrtechnik von Land aus mehr als 1,1 Millionen Tonnen. Das waren "offshore" und "onshore" zusammengenommen fast 60 Prozent der deutschen Erdölförderung, die im vergangenen Jahr bei 3,5 Millionen Tonnen lag.

In den vergangenen Monaten wurden in einer Tiefe von bis zu 20 Metern sechs bis zu 1400 Meter lange Pipeline-Teilstücke im Wattenmeer verlegt. Von der Deichlinie Friedrichskoog-Spitze fließt das Öl nun in Stahlrohren zu der rund 2,8 Kilometer entfernten Landstation. Jede Tonne Erdöl, die im eigenen Land gefördert werde, trage zur Versorgungssicherheit der Verbraucher bei, sagte der Vorstandssprecher von RWE DEA, Georg Schöning. Die Ausbeutung des Ölfeldes sei auch bei einem möglichen künftigen Rohölpreis von 20 US-Dollar pro Barrel noch wirtschaftlich. Mittelfristig erwarte er jedoch einen Preis von 30 bis 50 US-Dollar.

Umweltschützer hatten den Bau der Pipeline mitten durch den Nationalpark Wattenmeer im Vorfeld heftig kritisiert. Die internationale Umweltschutzorganisation WWF befürchtete erhebliche Störungen des sensiblen Naturparks gerade bei Wattvögeln. Nach Ansicht von Schöning bietet die Anbindung aber auch ökologische Vorteile, weil nicht nur der Schiffsverkehr wegfalle, sondern die Ausbeutung des Feldes zehn Jahre früher beendet werde. Außerdem falle auf der Bohrinsel künftig kein Gas mehr an, das dort bislang in zwei Gasturbinen verstromt werden musste, sagte Schöning. Die Stromversorgung erfolge nur noch von Land aus. Dadurch werde in der verbleibenden Förderdauer etwa eine Million Tonnen Kohlendioxid weniger ausgestoßen.

Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) zeigte sich bei der Inbetriebnahme erleichtert, sich nun "nicht mehr vorstellen zu müssen, welchen Schaden ein havarierter Öltanker im einzigartigen und sensiblen Wattenmeer hätte anrichten können". Die Verlegung der Pipeline sei eine "ingenieurtechnische Meisterleistung", sagte Carstensen. Dies sei zudem ein Musterbeispiel, wie Ökonomie und Ökologie Hand in Hand gehen könnten.