Tag X

Ohne Zwischenfälle: Castoren in Ahaus angekommen

Nach knapp 16 Stunden sind die Behälter mit den strahlenden Brennelementen aus Sachsen heute Nacht um kurz nach vier im nordrhein-westfälischen Ahaus angekommen. Einer ersten Bilanz zufolge, verliefen die wenigen Proteste friedlich. Eine Chronik der Ereignisse ...

Netzausbau Ökostrom© Gina Sanders / Fotolia.com

Ahaus (ddp/sm) - Heute Nacht gegen 4.15 Uhr ist in Ahaus der lang erwartete "Tag X" eher unspektakulär zu Ende gegangen. Während die Polizei einige Kilometer entfernt noch die letzten Demonstranten von einer Kreuzung trug, rollten die Atommüll-Behälter fast unbemerkt von der Mehrzahl der Protestierenden vor dem Brennelemente-Zwischenlager an. Nach knapp 16 Stunden war der Transport aus dem früheren Forschungsreaktor Rossendorf in Sachsen abgeschlossen.

Die Polizei hatte den Demonstranten ein Schnippchen geschlagen und eine andere Route als die erwartete Strecke genommen. Lediglich ein Demonstrant kletterte noch kurz vor der Ankunft über ein Absperrgitter und blockierte die Einfahrt der sechs per Spezial-Lkws transportierten Castor-Behälter. Nur etwa 20 Demonstranten fanden sich zu diesem Zeitpunkt vor dem Zwischenlager ein.

Familie Mertens aus Ahaus, die schon 1998 - beim letzten Castor-Transport - gegen die Atommülllieferung protestiert hatte, kam ebenfalls vor das Tor des Zwischenlagers. Vor sieben Jahren hatten allerdings noch mehrere zehntausend Menschen gegen die Castoren protestiert. Diesmal waren es nach Angaben der Anti-Atomkraft-Initiativen 600 bis 700 Teilnehmer. "Im Vergleich zu 1998 mit seinen bürgerkriegsähnlichen Zuständen war das jetzt mehr ein Abendspaziergang", sagte Frau Mertens, die ihren Vornamen nicht nennen wollte.

Trotz der im Vergleich zu 1998 bescheidenen Resonanz gab sich der Sprecher der Initiative "Widerstand gegen Atomanlagen (Wiga) Münster", Matthias Eickhoff, zufrieden. Es sei gelungen, den Widerstand gegen die Atommülllieferungen zu mobilisieren. Bei den weiteren zwei in den kommenden Wochen erwarteten Castor-Transporten aus Rossendorf hoffe man auf weiteren Zulauf. Auf ein positives Echo stieß der Verlauf der Nacht auch beim Sprecher der Kreispolizeibehörde Borken, Karsten Wolfering. Die Demonstranten hätten sich gut verhalten und lediglich eine Kreuzung besetzt.

Am Montagabend hatten die Proteste mit einer Demonstration vom Ahauser Bahnhof durch die Innenstadt begonnen. Unter einigen Teilnehmern herrschte dabei durchaus Ernüchterung wegen der schwachen Resonanz. "Die Gleichgültigkeit der Bevölkerung enttäuscht mich schon", gestand Julius Radtke, der mit einem Fahrrad und einer Anti-Atomkraft-Flagge am Gepäckträger am Demonstrationszug teilnahm. Durch den Atomkompromiss der rot-grünen Regierung sei die Bevölkerung "eingelullt" worden. Statt langer Restlaufzeiten hätten die Atomkraftwerke sofort abgestellt werden müssen.

Mit einem großen Castor-Modell zogen die Demonstranten durch die Stadt. Unter den Teilnehmern fand sich ein bunter Querschnitt der Bevölkerung - Erwachsene und Kinder, Punks und Alternative. Christliche Gruppen waren ebenso vertreten wie Fundamentaloppositionelle, die "für den sofortigen Ausstieg aus Atomkraft, Staat und Kapitalismus" warben.

Im Bemühen, sich alter Wählerschichten zu versichern, war am Montagabend auch die scheidende NRW-Umweltministerin Bärbel Höhn (Grüne) auf der Demonstration erschienen. Nicht jeder Atomkraftgegner sah das gern, wird die abgewählte rot-grüne Landesregierung doch für die Castor-Transporte mitverantwortlich gemacht. Höhn kritisierte die Castor-Fahrten als "unsinnig" und verwies darauf, dass das Nordrhein-Westfalen erfolglos dagegen geklagt hatte. "Ich finde es richtig, dass hier demonstriert wird", erklärte die Politikerin im Angesicht zahlreicher Kameras und Mikrofone. An dem mehrere Kilometer langen Demonstrationszug durch die Innenstadt beteiligte sie sich dann aber nicht mehr.

Von ddp-Korrespondent Michael Bosse