Grüne neue Urlaubswelt

Ökostrom-Tourismus: Windräder-Spotting als Urlaubsziel

Erneuerbare Energien? Ja bitte. Einer Studie zufolge sind mehr als 90 Prozent der Bevölkerung für einen schnelleren Ausbau - solange der nicht vor der eigenen Haustür stattfindet. Ausgerechnet der Tourismus soll nun einen Beitrag zur Akzeptanz leisten. Jetzt ist der wohl erste Ökostrom-Reiseführer erschienen.

Strompreise© Gina Sanders / Fotolia.com

Berlin (dapd/red) - Insbesondere, wenn es um Windkraft vor der eigenen Haustür geht, schwindet die vermeintliche Akzeptanz für eine grüne Stromerzeugung rapide. Windräder werden von Kritikern als "abscheuliche Propeller von der Höhe des Kölner Doms" beschrieben, als Ungetüme, die eine naturbelassene Landschaft zerstören. Der Gedanke, dass ausgerechnet der Tourismus die Akzeptanz steigern könnte, liegt da eher fern. Im Gegenteil, meint Energie-Experte Martin Frey und hat einen Reiseführer geschrieben. "Deutschland. Erneuerbare Energien entdecken" ist im April bei Baedeker erschienen.

Dabei herausgekommen ist kein Klassiker: Der neue Baedeker verzichtet auf Hotelempfehlungen, Restaurants werden vor allem dann genannt, wenn die Küche auf Bio setzt. Auch wenn Frey "alle" mit dem Buch erreichen will, Familien ebenso wie Individualreisende, richtet es sich vor allem an Menschen, die wissbegierig sind, lernen und vielleicht auch abgucken wollen. "Die Idee war zu zeigen, wie und woher wir in zehn Jahren unseren Strom beziehen", sagt Frey. "Nämlich dezentral."

160 Energie-Ziele deutschlandweit

Als ein Beispiel nennt der Autor die Abtei Marienstatt bei Hachenburg im Westerwald. Die Mönche nutzten den angrenzenden Bach und die Sonne und könnten die Strom- und Wärmeversorgung des Klosters so zu 55 Prozent aus Ökostrom gewährleisten. Ein ehemaliger Abt erkläre Besucher gern, wie Wasserkraft-, Solarstrom - und Solarwärmeanlagen zusammen funktionierten.

Neben Marienstatt nennt Frey 159 weitere Ziele in Deutschland, die alle im Zusammenhang mit den neuen Technologien stehen: das Haus des Waldes in Stuttgart, die Thermalquellen in Wiesbaden oder einen Windpark auf Fehmarn. Wer ganz genau wissen will, wie aus Sonnenstrahlen Strom wird, sollte die Fabrik des Wechselrichterherstellers SMA Solartechnology bei Kassel besichtigen, rät der Autor.

Ökostrom bestimmt die Reiseroute

Neben Ausflugstipps - so eine Spree-Tour durchs Berliner Regierungsviertel im Solarboot - nennt der neue Baedeker auch sieben Reiserouten, die durchaus zwei bis drei Wochen Zeit erfordern, wie Frey erläutert: vom Schwarzwald über die Schwäbische Alb zum Bodensee etwa. Infos zur Energiewende fehlen nicht: Kurz und knapp erklärt der Autor, warum ein Energiemix immer wichtiger wird, was petrothermale Geothermie bedeutet und wie Solarzellen funktionieren.

"Ich möchte Impulse geben mit dem Buch", erklärt Frey. "Touristen ebenso wie dem Tourismus." Er wolle ein neues Bewusstsein schaffen und erreichen, dass Umweltsiegel wichtiger werden "als das Betthupferl auf dem Kopfkissen."

Transparenz ist ein wichtiger Schlüssel

Daraus könnten sich auch neue Ideen für den Regionaltourismus entwickeln, meint der Autor. Was wiederum dazu beitragen könnte, die Bevölkerung vor Ort für grüne Stromerzeugung zu begeistern oder zumindest deren Akzeptanz zu erhöhen. Der Wunsch nach einer unverminderten Förderung ist einer Forsa-Umfrage zufolge jedenfalls da: 95 Prozent der Deutschen wünschen sich demnach, Ökostrom stärker zu nutzen und auszubauen. 45 Prozent aber lehnen Windräder vor der Haustür ab, 58 Prozent wollen keine Biogasanlagen in der Nachbarschaft.

Laut einer Studie der Universität Magdeburg steigt die Akzeptanz der Bürger, je mehr sie in die Planung neuer Windkraft- oder Biomasseanlagen vor Ort eingebunden werden. "Transparenz ist ein Schlüssel für mehr Zustimmung", erklärt Umweltpsychologin Irina Rau. Je mehr Anwohner informiert würden und auch selbst planen könnten, desto größer werde ihre Ortsverbundenheit und damit auch die Akzeptanz von Ökostromanlagen.

Hier könne auch "grüner Tourismus" seinen Beitrag leisten, sagt Rau. Wenn immer mehr Menschen gerade wegen der Umweltfreundlichkeit in eine bestimmte Gegend kämen, steige die Wertschöpfung. Tourismus bereichere die Region also. Das wiederum könne dazu beitragen, dass sich die Bewohner neue Ausbauziele setzten.