Pilotprojekt

Nordsee-Windparks als neue Heimat für Hummer

Dutzende große Windparks entstehen in der deutschen Nordsee. Strom sollen sie liefern - aber das könnte nicht ihre einzige Aufgabe bleiben: Die Turbinenfelder auf dem Meer eignen sich womöglich als neue Heimat für Tiere und Pflanzen. Unter anderem sollen Hummer dort angesiedelt werden.

Offshore-Windkraft© halberg / Fotolia.com

Hamburg (AFP/red) - Forscher des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) bereiten derzeit die Ansiedlung 3000 Helgoländer Hummer im Windpark "Riffgat" bei Borkum vor. Das Pilotprojekt soll testen, ob die bedrohten Krebstiere sich dort zusätzlichen Lebensraum erobern. Einige Überlegungen gehen längst darüber hinaus: Schon gibt es Ideen für Fisch- oder Muschelfarmen zwischen den Masten.

Es sind die an den Fundamenten der 30 "Riffgat"-Windräder aufgeschichteten Felsbrocken, die den Offshore-Park zur potenziellen Hummer-Heimstatt machen. Denn die Scherentiere, die das stolze Alter von 60 Jahren erreichen können, brauchen steinige Böden. Die sind in der deutschen Nordsee allerdings selten. Nur rund um die Hochseeinsel Helgoland gibt es sie, weshalb sich die Hummer dort konzentrieren - mit allen Gefahren, die ein kleines Verbreitungsgebiet birgt: Die Helgoländer Hummer-Population brach schon vor Jahrzehnten zusammen.

Theoretisch geeigneter Lebensraum

Die zum Schutz vor Unterspülung errichteten Steinfelder von "Riffgat" und anderen Windparks könnten das nun ändern und die Hummer aus der geografischen Isolation befreien, hofft Heinz-Dieter Franke, Forscher an der Biologischen Anstalt Helgoland des AWI, die das vom Land Niedersachsen geförderte Projekt initiiert. "Das sind - zumindest in der Theorie - geeignete Lebensräume für Hummer."

In dem Helgoländer AWI-Zentrum laufen derzeit die Vorbereitungen für die große Freisetzungsaktion im nächsten Jahr. 3000 Tiere werden in der Station, die jährlich Hummer im Meer rund um die Insel aussetzt, bis auf eine Größe von zehn Zentimetern aufgepäppelt. "Damit haben sie gute Chancen, sich draußen zu behaupten", sagt Franke. Die eigentliche Arbeit aber wird erst danach beginnen. Drei Jahre lang werden die Experten jeden Schritt der Hummer genau beobachten.

Potenzial auch für andere Arten

Dabei sind Helgoländer Forscher nicht die einzigen, die das Potenzial der Windparks für die Tier- und Pflanzenwelt erkannt haben. Die sind einerseits ökologisch umstritten, bieten andererseits aber neuartige Rückzugsräume. Denn die Turbinenfelder sind für Fischerei und normale Schifffahrt gesperrt. An den von Felsen umgebenen Fundamenten siedeln sich zahlreiche Lebewesen an. "Es sind richtige Riffstrukturen, die sich ausbilden", sagt Philipp Kanstinger, Experte der Umweltschutzorganisation WWF, der selbst schon oft als Taucher dort unterwegs war.

Überlegungen gehen auch dahin, einzelne Offshore-Windparks mit Aquakulturen zu kombinieren und zwischen den hoch aufragenden Pfeilern Fische oder Muscheln für den menschlichen Verzehr zu züchten. In einem dänischen Windpark gab es bereits ein erstes Pilotprojekt zum Muschelanbau, auch in Deutschland wird über eine derartige Doppelnutzung nachgedacht. "Es sind durchaus Chancen, die sich da öffnen", sagt AWI-Experte Franke, für dessen Projekt solche kommerziellen Gedanken trotz des Werts der Hummer als Delikatesse aber nebensächlich sind.

Vorteile der Aquakulturen

Aquakulturen in Windparks auf hoher See hätten auch ökologische Vorteile gegenüber den viel kritisierten Fischfarmen an der Küste, betont Franke. Denn dort würde die größere Strömungsdynamik auf natürliche Weise für Nahrungszufuhr etwa in Form von Plankton sorgen und die Wasserverschmutzung besser verdünnen.

Auch die Umweltschützer des WWF sähen die Kombination generell positiv, sagt deren Aquakultur-Spezialist Kanstinger. So ließe sich ein ohnehin vom Menschen beanspruchtes Meeresgebiet zumindest doppelt nutzen. "Für die Zucht heimischer Arten haben Aquakulturen auf den Meer ein riesiges Potential. Vom technischen Standpunkt aber wird es in absehbarer Zeit wohl schwierig." Die Betreuung auf hoher See sei kaum zu organisieren. Auch die Konstruktionsweise von Windrädern lasse das sichere Verankern großer Käfige nicht zu. Veränderungen wären teuer.

Quelle: AFP