"Heikel und komplex"

Nordkorea will Atomreaktor wieder hochfahren

Nordkorea dreht die Spannungsschraube ein Stück weiter: Pjöngjang will seinen eingemotteten einzigen Atomreaktor wieder anzufahren, um Material für sein Waffenprogramm sowie Elektrizität zu gewinnen. Die Ankündigung am Dienstag löste bei den Nachbarländern Sorge aus; auch der langjährige Verbündete China äußerte "Bedauern".

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Seoul (dapd/red) - Nach Ansicht des CDU-Außenexperten Ruprecht Polenz ist Nordkorea kaum mehr vom Kurs hin zur Atommacht abzubringen. Die USA entsandten nach Kampfflugzeugen auch Kriegsschiffe in die Region, bemühten sich zugleich aber, die Wogen zu glätten.

Der Reaktor Yongbyon 90 Kilometer nördlich der Hauptstadt Pjöngjang war 2007 im Zuge einer Vereinbarung von Abrüstungsschritten gegen humanitäre Hilfe stillgelegt und der Kühlturm zerstört worden. Experten zufolge wird es viele Monate dauern, die Anlage wieder zum Laufen zu bringen. Der Fünf-Megawatt-Reaktor war Nordkoreas einzige Quelle von Plutonium für sein Atomwaffenprogramm. Erst 2010 räumte es ein, dass an dem Standort auch eine Urananreicherungsanlage existiert. Arbeiten zur Wiederinbetriebnahme aller Einrichtungen in Yongbyon würden unverzüglich aufgenommen, meldete die amtliche Nachrichtenagentur KCNA.

China reagierte mit Bedauern auf die Erklärung. Die Lage auf der koreanischen Halbinsel sei "heikel und komplex", sagte ein Sprecher des Außenministeriums. Die zuständigen Stellen seien aufgerufen, "weiter miteinander zu reden und Zurückhaltung zu üben".

SPD-Mann sieht Einfluss Chinas geschwächt

Der SPD-Außenexperte Rolf Mützenich wertete die Reaktion Pekings als "fast verzweifelt". Auch die chinesische Führung müsse offenbar feststellen, dass sie auf ihren einstigen Schützling in Pjöngjang keinen Einfluss mehr habe, sagte Mützenich dem "Kölner Stadt-Anzeiger".

Der Präsident der deutsch-koreanischen Gesellschaft, Hartmut Koschyk (CSU), sagte im Bayerischen Rundfunk, China könne Nordkorea nicht vor den Augen der Welt brüskieren und müsse deswegen hinter den Kulissen versuchen, seinen Einfluss geltend zu machen. "China kann es sich aber auch nicht leisten, vor der Weltöffentlichkeit von Nordkorea brüskiert zu werden", sagte er.

CDU-Außenpolitiker Polenz sagte im ZDF: "Ich fürchte, von diesem Weg, Nuklearmacht zu sein, wird sich Nordkorea kaum mehr abbringen lassen." Es stelle sich die Frage, ob das Land dann noch durch Abschreckungs- und Eindämmungspolitik in Schach gehalten werden könne. Derzeit bestehe aber keine Kriegsgefahr. "Es gibt keine Mobilmachung - es ist im Augenblick vor allen Dingen Rhetorik", sagte der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag.

"Einseitiges Handeln nicht erforderlich"

In Tokio sagte ein Regierungssprecher, eine Wiederinbetriebnahme von Yongbyon würde gegebenen Versprechen zuwiderlaufen und Japan "ernste Sorge" bereiten. Ein Sprecher des südkoreanischen Außenministeriums nannte die Ankündigung "sehr bedauerlich" und forderte den Norden ebenfalls auf, seine Versprechen einzuhalten.

Die südkoreanische Präsidentin Park Geun Hye hatte am Wochenende ungewöhnlich scharf auf die Sticheleien des Nordens reagiert und machtvolle Vergeltung jeglicher Provokationen angedroht. Die USA versuchten zu beschwichtigen: Der Sprecher des Weißen Hauses, Jay Carney, begründete die jüngsten militärischen Bewegungen in der Region mit dem Wunsch, "unsere Verbündeten in der Region zu beruhigen und klar zu machen, dass einseitiges Handeln nicht erforderlich ist".

Dritter Atomtest im Februar

Nach Militärangaben geht der Zerstörer "USS McCain", der an der Abwehr von Mittel- und Langstreckenraketen mitwirken kann, vor Südkorea in Position. Ein zweites Kriegsschiff, die "USS Decatur" sei von den Philippinen aus auf dem Weg. Die USA hatten bislang schon Bomber im Rahmen eines gemeinsamen Manövers und seit dem Wochenende auch zwei Kampfflugzeuge in Südkorea.

Pjöngjang beschuldigt Seoul und dessen Verbündeten Washington der Kriegstreiberei und will nicht auf sein Atomwaffenprogramm verzichten. Sein dritter Atomtest im Februar löste die jüngste Eskalation der Spannungen mit zunehmend martialischer Rhetorik aus. Satellitenbilder der vergangenen Monate zeigen Bautätigkeit in der Anlage Yongbyon, doch es ist ungewiss, welche Fortschritte bislang gemacht wurden.