Vorwürfe

Niedersachsen sei nicht auf Atom-GAU vorbereitet

Bei einer Reaktorkatastrophe wären die Notfallpläne der Behörden in Niedersachsen nach Ansicht von Atomkraftgegnern völlig unzureichend. Die einzelnen Pläne der Landkreise seien nicht aufeinander abgestimmt und das Land überprüfe diese nicht, kritisierten die Bürgerinitiativen am Mittwoch in Hannover.

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Hannover (dapd/red) - "Es herrscht ein heilloses Durcheinander", sagte Tobias Darge, von der Regionalkonferenz "Grohnde abschalten". Das Innenministerium wies die Kritik zurück.

Laut Darge, der sich die derzeit ausliegenden Katastrophenschutzpläne genauer angesehen hat, ist etwa im Fall einer Katastrophe am AKW Grohnde geplant, Züge zur Evakuierung von Hameln nach Hildesheim fahren zu lassen. In dem Plan der Hildesheimer Behörden kommen diese aber nicht vor. Die Landkreise Schaumburg, Hildesheim und Hannover hätten zudem nicht vorgesehen, für verstrahlte Gebiete Verkehrseinschränkungen von Bahn-, Schifffahrt oder Luftverkehr anzuordnen, sagte er. Außerdem hätten einige Landkreise keine Idee, wie Schulen oder Kindergärten im Fall eines GAUs informiert werden sollten.

Land solle die Landkreise überprüfen

Der Atom-Aktivist Peter Dickel sieht vor allem das Land in der Pflicht. Dieses müsse koordinieren und überprüfen, was die Landkreise planten. "Das Land muss einen vernünftigen Plan nachweisen oder eben die Dinger abschalten", forderte er. Das Innenministerium, das für die Notfallpläne zuständig ist, wies die Kritik aber zurück. Niedersachsen sei "nach derzeitigen wissenschaftlichen Erkenntnissen beim Katastrophenschutz gut aufgestellt", hieß es. Soweit mehrere Landkreise betroffen seien, arbeiteten diese "natürlich zusammen und tauschen sich aus".

Neben der Absprache zwischen den Landkreisen kritisierten die Atomkraftgegner auch, dass der Evakuierungsradius rund um die Kraftwerke mit zehn Kilometern zu eng gefasst seien. Nach Ansicht der Bürgerinitiativen müssten diese auf 170 Kilometer ausgedehnt werden. Auch der Richtwert für die Evakuierungen mit einer radioaktiven Strahlung von 100 Millisievert (mSv) sei "viel zu hoch angesetzt", sagte Angelika Claußen von der atomkritischen Ärzteorganisation IPPNW. Nach der Atomkatastrophe von Fukushima seien die Menschen ab dem Wert von 20 mSv evakuiert worden, sagte sie. "Aus Fukushima wurden keinerlei Konsequenzen gezogen", sagte Claußen.

Evakuierungszonen könnten ausgeweitet werden

Laut Innenministerium wurde nach der Atomkatastrophe in Fukushima eine Arbeitsgruppe der Strahlenschutzkommission eingerichtet, an dem auch Landesbehörden teilnehmen. Die Ergebnisse diverser Unterarbeitsgruppen sollen in eine Handlungsempfehlung einfließen, die vermutlich im kommenden Jahr fertig sei. Dabei gehe es auch etwa um eine Ausweitung der Evakuierungszonen, sagte ein Sprecher des Innenministeriums.

In Niedersachsen sind derzeit noch zwei Atomkraftwerke in Betrieb: Das Atomkraftwerk Grohnde, das etwa 40 Kilometer von Hannover entfernt im Weserbergland steht, soll vermutlich 2021 abgeschaltet werden. Der Meiler Emsland in Lingen ist vermutlich noch bis 2022 am Netz.