Unwetter und Erdbeben

Naturkatastrophen als Gefahren für Atomanlagen

Durch die Brände in der Umgebung von Tschernobyl in der Ukraine ist nach Einschätzung des Bundesamtes für Strahlenschutz keine gesteigerte Radioaktivität in Deutschland zu erwarten. Gleichwohl gibt es auch in Deutschland Risiken für Atomanlagen bei Unwettern und Naturkatastrophen. Vor allem Erdbeben und Blitzeinschläge können gefährlich werden.

Strompreise© Gina Sanders / Fotolia.com

Salzgitter/Hamburg (ddp/red) - Die Waldbrände in Russland bedrohen auch eine Atomanlage, was nicht nur Umweltschützer beunruhigt. Sie warnen vor der Freisetzung radioaktiven Materials in Folge der Feuer. Zwar gibt es in Deutschland keine derartigen Atomaufbereitungsanlagen. Dafür ist hierzulande die Sicherheit von Atomkraftwerken (Akw) bei Unwettern und Naturkatastrophen ein Thema. Kritiker warnen seit langem davor, dass einige Akw gegen die Gefahren von Erdbeben oder Extremwettereignissen nicht ausreichend geschützt sein könnten.

Als ein Risiko gelten Blitzeinschläge, in deren Folge es in den Strom- und Notstromkreisläufen eines Reaktors zu einem Kurzschluss mit unter Umständen gefährlichen Folgen sorgen könnte. 2006 kam es zu einem dramatischen Vorfall im schwedischen Meiler Forsmark, als dieser nach einem Blitzeinschlag in eine Hochspannungsleitung außerhalb des Kraftwerks abgeschaltet werden musste. Weil die Notstromversorgung nicht richtig ansprang, war der Reaktor samt Kühlpumpen zeitweise ohne Strom. Nach Auffassung einiger Beobachter fehlten nur Minuten zu einem GAU, dem größten anzunehmenden Unfall. Das haben offizielle Stellen zwar bestritten, auch sie bezeichneten den Forsmark-Störfall aber als sehr ernst.

Da Blitzeinschläge oder unwetterbedingte Stromleitungsschäden etwa durch Sturm oder Eisbruch keine Seltenheit sind, rückte der Vorfall die generelle Sicherheit von Akw-Notstromversorgungssystemen nach Spannungsabfällen in den Blick. Die Atomkraftwerksbetreiber betonten nach dem Forsmark-Zwischenfall zwar, ein ähnliches Ereignis könne in deutschen Kraftwerken nicht passieren. Das aber sehen Kritiker ganz anders. Wegen Unwetterschäden mussten Reaktoren wiederholt vom öffentlichen Stromnetz getrennt und auf Notstromversorgung umgestellt werden, sagt der Experte Henrik Paulitz von der atomkritischen Ärzteorganisation IPPNW. Dabei gebe es sehr häufig Probleme, die auch durch Nachrüstungen nicht gelöst würden. "Das ist eine dauerhafte Schwachstelle."

Eine potenzielle Bedrohung durch Erdbeben wird seit Jahren im Zusammenhang mit dem hessischen Kernkraftwerk Biblis diskutiert. Es liegt in einem seismisch aktiven Gebiet, dem Oberrheingraben. Nach Meinung der Gegner sind die der Genehmigung zugrunde gelegten Erdbebenstärken aber zu gering, die IPPNW klagt unter anderem deswegen auf Stilllegung des Kraftwerkblocks Biblis B. Schon 1988 wurde das Atomkraftwerk Mülheim-Kärlich in Rheinland-Pfalz stillgelegt, weil das Bundesverwaltungsgericht die Stromerzeugung wegen Erdbebengefahr gestoppt hatte.

Aber auch Hochwasser könnten Biblis gefährden, mahnt Paulitz. Ausgelegt sei es nur gegen ein sogenanntes 1000-jähriges Rhein-Hochwasser. Vorgeschrieben sei aber die Zugrundelegung einer Flut, wie sie statistisch alle 10.000 Jahre auftreten. "Auch hier entspricht die Anlage nicht den Sicherheitsbestimmungen."