Europaweiter Black-out

Nach Stromausfall: E.ON unter Druck

Nach dem europaweiten Stromausfall am Wochenende geraten die Stromproduzenten, allen voran E.ON, unter Druck. Politiker aller Parteien werfen ihnen mangelnde Netzsicherheit vor. Für E.ON ist die Ursachenforschung allerdings noch nicht abgeschlossen.

Netzausbau Ökostrom© Gina Sanders / Fotolia.com

Berlin/München (ddp/sm) - Nach den Stromausfällen in weiten Teilen Deutschlands in der Nacht zum Sonntag kritisiert die Bundesregierung den zuständigen Stromkonzern E.ON. Solche Störungen seien "nicht nur für die Menschen ein Ärgernis, sondern stellen für die Wirtschaft ein erhebliches Risiko dar", sagte Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) am Sonntag in Berlin. Er nahm den Energiekonzern E.ON in die Pflicht: "Ich erwarte von E.ON eine rückhaltlose Aufklärung des Vorfalls und seiner Ursachen." Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) forderte von den Stromunternehmern höhere Investitionen in die Hochspannungsnetze.

E.ON wies diese Reaktion als "völlig verfehlt" zurück. Die aktuellen Vorfälle hätten nichts mit ungenügenden Netzkapazitäten zu tun. E.ON vermutet, dass die absichtliche Abschaltung einer 380 Kilovolt Hochspannungsleitung über den Fluss Ems in Niedersachsen das Chaos ausgelöst haben könnte. Dort war der Strom umgeleitet worden, um die gefahrlose Durchfahrt eines neuen Kreuzfahrtschiffes zu ermöglichen. Die 294 Meter lange und 32 Meter breite "Norwegian Pearl" musste eine halbe Stunde nach dem Ablegen im Werfthafen wieder festmachen, da zwei Energieleitungen über die Ems nicht spannungsfrei geschaltet werden konnten, wie ein Werftsprecher am Sonntag sagte. Die Leitungen seien planmäßig bereits eine halbe Stunde lang vom Netz gewesen, als sie aufgrund der extremen Netzschwankungen und der Stromausfälle wieder zugeschaltet werden mussten.

Die "Norwegian Pearl" hatte wie geplant am Samstagabend gegen 22.15 Uhr im Werfthafen abgelegt und war vor die Schleuse des Hafens manövriert worden. Das Schiff habe dann gegen 22.45 Uhr jedoch wieder Leinen geworfen, sagte der Sprecher. "Wir hatten gute Bedingungen, Wasserstand und Wind stimmten", sagte er. Ein nächster Versuch könne nun frühestens am Montag gegen 16.00 Uhr unternommen werden.

Das Vorstandsmitglied von E.ON Energie, Klaus-Dieter Maubach, sagte, es sei durch die Abschaltung bei anderen Leitungen entgegen den Erwartungen zu Überlastungen gekommen, die sich kaskadenartig fortgesetzt hätten. Maubach betonte: "Die Netze sind in einem guten Zustand." Zudem würde E.ON in den nächsten Jahren 2,8 Milliarden Euro in das Netz investieren. Er hätte sich gewünscht, dass sich Gabriel vor seinen Äußerungen über den Sachstand informiert hätte, betonte Maubach.

Gabriel entgegnete, die Unternehmen seien erst im Rahmen der Verhandlungen mit der Bundesregierung seit ein paar Wochen bereit zu stärkeren Investitionen. Seit Jahren sei klar, dass 850 Kilometer Netz ausgebaut werden müssten. "Das haben sie nicht getan", sagte Gabriel. Jetzt seien ein Infrastrukturbeschleunigungsgesetz gemacht und Verhandlungen mit den Energiekonzernen geführt worden. Nun seien die Stromkonzerne zwar zu Investitionen bereit. Freiwillig sei dies aber nicht, unterstrich Gabriel.

Bundesumweltminister Gabriel erinnerte die Konzerne an ihre "gesetzliche Pflicht", ein leistungsfähiges Netz zu gewährleisten. "Sie müssen ihre hohen Gewinne maßgeblich für Investitionen in das Stromnetz einsetzen", forderte der SPD-Politiker. Er erwarte von den Netzbetreibern die Vorlage eines verbindlichen Zeitplans für die Sanierung von Leitungen und den Bau neuer Hochspannungstrassen.

Glos betonte, sein Ministerium werde gemeinsam mit den Energieunternehmen nach Wegen suchen, "dass sich solche Vorfälle wenn irgend möglich nicht wiederholen". Ein E.ON-Sprecher sagte, der genaue Ablauf der Störung sei noch unklar. Die wichtige Hauptleitung über die Ems sei in der Vergangenheit bereits mehrere Male abgeschaltet worden, ohne dass es Probleme gegeben habe. "Hier muss es diesmal weitere netzphysikalische Reaktionen gegeben haben, die noch nicht erforscht sind", betonte der Sprecher. Insgesamt habe man den Vorfall aber nach 38 Minuten im Griff gehabt. Das sei ein Beleg dafür, "dass die Sicherungsmechanismen gegriffen haben".

Der Bund der Energieverbraucher kritisiert nach eigenen Angaben schon lange, "dass die Netze marode sind". Verbandschef Aribert Peters sagte: "Die Versorgungssicherheit ist nicht mehr gewährleistet." Auch Grünen-Fraktionschefin Renate Künast macht den Stromkonzernen schwere Vorwürfe. Sie warf den Energieversorgern vor, trotz reichlicher Profite nur wenig für die Verbraucher zu tun. "Unsere hohen Netzgebühren und damit auch die Strompreise werden immer mit der hohen Netzsicherheit begründet", sagte die ehemalige Verbraucherschutzministerin. "Wenn Netzfehler oder mangelhafter Betrieb Ursache des Stromausfalls sind, ist das ein weiteres Indiz dafür, dass die Begründung der Energiekonzerne nicht trägt.""Die Energieversorgungsunternehmen machen reichlich Profit, aber tun wenig für die Verbraucher."

SPD-Fraktionsvize Ulrich Kelber verwies auf Berechnungen unter anderem des Verbandes der Elektrotechnik (VDE). Danach seien die Netzinvestitionen seit den achtziger Jahren um 40 Prozent zurückgegangen. Die Stromausfallzeiten seien seitdem von durchschnittlich 15 Minuten auf 23 Minuten im Jahr gestiegen. "Das ist nicht akzeptabel", kritisierte Kelber.

E.ON verwies darauf, dass man in den vergangenen Jahren jeweils rund eine Milliarde Euro in die Netzinfrastruktur investiert habe. Mittelfristig stünden weitere Investitionen von 2,8 Milliarden Euro an, sagte ein Unternehmenssprecher. Allerdings werde der Ausbau in der Praxis bisweilen durch langwierige Genehmigungsverfahren verzögert. Diese dauerten in einigen Fällen über zehn Jahre, beklagte der Sprecher. Vor allem das Stromnetz in Norddeutschland leide zudem unter der dramatisch gestiegenen Zahl von Windkraftwerken.

Die Stromausfälle haben am Samstagabend in weiten Teilen Westeuropas die Lichter ausgehen lassen. Auch in Deutschland wurden viele Menschen von der plötzlichen Dunkelheit zwischen 22.10 und 22.40 Uhr überrascht. Nach Angaben der Polizei war vor allem Nordrhein-Westfalen und nahezu alle bayerischen Regierungsbezirke betroffen. Zu schweren Zwischenfällen kam es dabei ersten Erkenntnissen zufolge offenbar nicht. Allerdings mussten die Passagiere der Kölner Rheinseilbahn den Stromausfall in luftiger Höhe aussitzen. Bundesweit blieben Menschen mit Aufzügen stecken, Ampeln fielen aus, Alarmanlagen und Brandmelder wurden fälschlicherweise ausgelöst und hielten die Rettungskräfte im Dauereinsatz. Tausende Bahnreisende mussten Verspätungen hinnehmen. Die europäische Stromversorgung ist zum Teil grenzübergreifend verbunden, um schwerwiegende Ausfälle in einem Land ausgleichen zu können. Besonders hart war Frankreich betroffen. Dort mussten laut Medienberichten fünf Millionen Menschen ohne Strom ausharren.

Neben Teilen Kölns waren unter anderem Neuss, Essen und Oberhausen ohne Strom. Auch in der Innenstadt von Paderborn und in der Region Bielefeld gingen plötzlich die Lichter aus. In Oberfranken, dem nördlichen Saarland und Teilen Baden-Württembergs saßen die Menschen ebenfalls vorübergehend im Dunkeln.

Die Kölner Feuerwehr registrierte laut Feyrer binnen einer Stunde weit über 1000 Anrufe. Meist habe es sich jedoch um falschen Alarm gehandelt. So seien Brandmelder fälschlicherweise ausgelöst worden oder Hausbewohner hätten die Abgase angesprungener Notstromaggregate für einen Brand gehalten. Nach rund anderthalb Stunden sei der "Spuk" vorbei gewesen.

Der stellvertretende Sprecher der E.ON Energie AG, Theodorus Reumschüssel, betonte, das Netz sei nach der Abschaltung eine halbe Stunde lang stabil geblieben. Offensichtlich sei es zu einer akuten Störung gekommen, deren Ursache noch ungeklärt sei. Er lehnte eine Diskussion über eine mögliche Verschärfung der Sicherheitsmaßnahmen vor Abschluss der Untersuchungen ab und betonte, in Deutschland bestehe eine "sehr hohe" Versorgungssicherheit. Ein RWE-Sprecher schätzte den Zwischenfall als "nicht ernst" ein.

Bayerns Wirtschaftsminister Erwin Huber (CSU) sagte über die Stromausfälle: "Das ist ein Alarmsignal, das alle Verantwortlichen dazu bringen muss, die Versorgungssicherheit zu überprüfen." Er sei betroffen über das Ausmaß der Störung: "Bisher konnte man davon ausgehen, dass jedenfalls in Deutschland so ein breiter Black-out ohne erkennbare äußere Einflüsse nicht stattfinden kann." Glücklicherweise sei es nicht an einem normalen Werktag passiert.

Neben privaten Haushaltskunden sind auch industrielle Stromabnehmer von dem Stromausfall in Deutschland betroffen. Das sagte der Geschäftsführer des Verbands der industriellen Kraftwirtschaft (VIK), Alfred Richmann, dem Tagesspiegel. "So etwas trifft alle gleichermaßen." Der Verband vertritt die Interessen von energieintensiven Unternehmen, zum Beispiel in der Aluminiumindustrie. Zwar gebe es noch keine Rückmeldungen von Mitgliedsfirmen über mögliche Schäden, sagte Richmann. Man müsse aber davon ausgehen, dass zahlreiche Produktionsprozesse unterbrochen wurden, vor allem im industriell dicht besiedelten Nordrhein-Westfalen. "Nur Unternehmen, die ein eigenes kleines Kraftwerk haben, sind nicht betroffen", sagte Richmann. "Der Gesamtschaden, der entstanden sein könnte, ist vermutlich gering."

Der italienische Regierungschef Romano Prodi forderte ebenso wie das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) als Konsequenz eine gesamteuropäische Energiebehörde. Bundesumweltminister Gabriel lehnt eine EU-Aufsichtsbehörde für die europäischen Stromnetze ab. "Ich glaube nicht, dass wir eine neue Behörde brauchen", sagte Gabriel am Montag dem Radiosender NDR Info in Hamburg. "Was wir auf jeden Fall brauchen, ist eine Abstimmung der Aufsichtsbehörden", fügte er hinzu. Die Regulierungsbehörden müssten zusammenarbeiten, um insgesamt die Stabilität der Netze in Europa zu sichern.