Zwischen Ein- und Ausstieg

Nach Fukushima: So hat der Rest der Welt reagiert

Deutschland hat nach dem Atomunglück von Fukushima den Atomausstieg wiederbelebt. Doch wie sieht es woanders aus? In zahlreichen Ländern hat Katastrophe in Japan die Debatte um die Atomenergie neu entfacht - vielerorts sehen die Regierungen aber keine Alternative zum Atomstrom.

Stromtarife© Andre Bonn / Fotolia.com

Berlin (afp/red) - Betrachtet man die Reaktionen in anderen Ländern, zeigt sich deutlich, dass Deutschland am klarsten Stellung bezogen und den Atomausstieg forciert hat.

Japan: Vor der Fukushima-Katastrophe wollte Japan den Anteil der Atomkraft an der Stromerzeugung von rund 30 Prozent auf 50 Prozent bis 2030 erhöhen. Danach wurden zwar mehrere Reaktoren wegen akuter Erdbebengefahr abgeschaltet. Sie sollen aber wieder ans Netz, sobald ihre Sicherheitssysteme nachgerüstet sind. Die Atomkraft bleibt damit zentraler Pfeiler der Energieversorgung, auch wenn Tokio den Anteil erneuerbarer Energien nun auf ein Fünftel erhöhen will.

Italien: Schon nach der Katastrophe von Tschernobyl 1986 hatte Italien den Atomausstieg beschlossen. Weil das Land seitdem Strom importieren muss, wollte Regierungschef Silvio Berlusconi den Bau neuer Akw wieder auf die Tagesordnung setzen. Nach Fukushima musste er die Pläne begraben: Per Volksabstimmung votierten fast 95 Prozent der Italiener gegen den Wiedereinstieg.

Schweiz: In der Schweizer Bevölkerung hat der Widerstand gegen die Atomkraft durch Fukushima deutlich zugenommen. Anfang Juni sprach sich das Parlament grundsätzlich für einen schrittweisen Ausstieg bis 2034 aus. Bis die entsprechenden Gesetze verabschiedet sind, werden aber wohl noch Monate vergehen. Die Schweiz betreibt derzeit fünf Atomreaktoren.

Frankreich: Als größter Atomstromproduzent Europas hält Frankreich an der Kernenergie fest. Die Akw-Betreiber müssen bis Mitte September einen "ersten Bericht" über die Sicherheit ihrer Anlagen vorlegen. Appelle der Opposition nach einer grundsätzlichen Debatte über die Atomkraft verhallten ungehört. Sorge macht Umweltschützern besonders das älteste Kraftwerk Fessenheim an der deutsch-französischen Grenze, das in einem Erdbebengebiet liegt.

Großbritannien: Eine vorläufige Untersuchung zur Atomsicherheit ergab Mitte Mai, dass eine ähnliche Katastrophe wie in Fukushima "im Vereinigten Königreich wenig glaubwürdig" ist. London sah sich dadurch in seiner Linie bestätigt, die 19 britischen Reaktoren am Netz zu lassen und den Bau neuer Akw voranzutreiben. Derzeit sind Atommeiler an fünf neuen Standorten in Planung.

Polen: Warschau will am geplanten Atom-Einstieg festhalten. Das Programm sei "unverzichtbar", um die Stromversorgung in den kommenden Jahrzehnten zu sichern, erklärte die Regierung im März. Derzeit gibt es in Polen kein Atomkraftwerk, 94 Prozent des Stroms werden in Kohlekraftwerken produziert. Geplant sind vorerst zwei Akw.

USA: In den Vereinigten Staaten erlebt die Atomkraft eine Renaissance. In einer Grundsatzrede hatte sich US-Präsident Barack Obama nach Fukushima eindeutig zum Bau neuer Kraftwerke bekannt. Um die Abhängigkeit von Ölimporten zu verringern, hat die Regierung 18,5 Milliarden Dollar (13 Milliarden Euro) an Kreditgarantien für den Ausbau der Kernkraft zugesagt. Washington betrachtet diese auch als Möglichkeit, den Ausstoß von Treibhausgasen zu drosseln.

Russland: Russland ist einer der wichtigsten Atomenergieproduzenten der Welt und baut auch im Ausland Kernkraftwerke. Moskau betonte nach der Katastrophe in Japan zunächst, die russischen Anlagen seien absolut sicher. Doch ein jüngst bekannt gewordener Regierungsbericht listet dutzende Probleme an den vielfach überalterten Kraftwerken auf. Der staatliche Atomkonzern Rosatom will nun umgerechnet 374 Millionen Euro investieren, um die Anlagen nachzubessern.

China: Trotz der Vorfälle in Japan will das energiehungrige China den Ausbau der Atomenergie vorantreiben. 27 Reaktoren befinden sich derzeit im Bau, 50 weitere sind in Planung. Allerdings schob Peking zunächst die Genehmigung weiterer Projekte auf und erklärte im Mai, es wolle seine Sicherheitsnormen überarbeiten. Bis August soll eine nach Fukushima angeordnete Generalinspektion der bereits laufenden 13 Atomreaktoren abgeschlossen werden.