Hilfe nach GAU

Mülheimerin unterstützt "Tschernobyl-Kinder" seit 16 Jahren

Auch 22 Jahre nach dem verheerenden Unfall im Atomkraftwerk im ukrainischen Tschernobyl leidet die Bevölkerung im benachbarten Weißrussland noch unter der enormen Strahlenbelastung. Die Mülheimer "Initiative Tschernobyl-Kinder" kümmert sich seit 16 Jahren um Kinder aus der Region.

Stromnetz Ausbau© Gina Sanders / Fotolia.com

Mülheim an der Ruhr (ddp-nrw). Es war der GAU - eine Katastrophe, wie sie sich die Menschen bis dahin nicht vorstellen konnten. Am 26. April 1986 explodierte um 1.24 Uhr der Kernreaktor des Atomkraftwerks im ukrainischen Tschernobyl. Bis heute leiden die Menschen unter den Folgen des Unfalls, auch im benachbarten Weißrussland. "Diese Menschen müssen eine Perspektive bekommen", sagte sich Dagmar van Emmerich und gründete vor 16 Jahren die Mülheimer "Initiative Tschernobyl-Kinder". Seitdem kommen jeden Sommer zwischen 50 und 90 Kinder zu einem Ferienaufenthalt ins Ruhrgebiet, um dort wenigstens für vier Wochen den schwierigen Alltag zu vergessen.

Krankheitsanfälliger wegen Strahlenbelastung

"Zu hohe Erwartungen darf man daran allerdings nicht knüpfen", gibt der Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, Wolfram Hartmann, zu bedenken. Eine dauerhafte Verbesserung der Gesundheit beispielsweise könne ein solcher Kurzaufenthalt nicht bringen. "Aber durch den Klimawechsel wird das Immunsystem stimuliert", sagt der Kinderarzt.

Und das ist nach Einschätzung von Emmerich dringend notwendig, denn die Kinder seien wesentlich krankheitsanfälliger als ihre deutschen Altersgenossen. Verwunderlich ist dies nicht, schließlich sind die Kinder in der Heimat ständig der radioaktiven Strahlung ausgesetzt - nicht nur an der Luft, sondern auch beim Essen, das oft aus eigenem Anbau der Familie stammt.

"Vor allem in dem kleinen Dorf Dobrin, aus dem viele unserer Kinder kommen, ist das ein Problem", berichtet Emmerich. Das Dorf im Süden Weißrusslands liege nur 60 Kilometer Luftlinie von Tschernobyl entfernt und damit unmittelbar an der Grenze der "Zone", wie das Sperrgebiet im amtlichen Sprachgebrauch genannt wird. In Dobrins direkter Nachbarschaft seien viele Dörfer evakuiert worden. Die Dobriner hingegen sollten auf dem verstrahlten Boden weiterleben.

Rund 50 Mal hat sich Emmerich in den letzten Jahren selbst in Weißrussland ein Bild über die Lebensrealität und die Wünsche der dort lebenden Menschen gemacht. Dabei besuchte sie neben Dobrin auch das Waisenhaus in der Stadt Zhodino, nahe der Hauptstadt Minsk, aus dem ebenfalls viele Kinder im Sommer nach Deutschland eingeladen werden. "Dort habe ich schon lange nicht mehr das Gefühl, zu fremden Menschen zu fahren", sagt die Mülheimerin, die zur Ehrenbürgerin der Stadt Zhodino ernannt wurde - eine große Auszeichnung für sie, wie sie betont. "Schließlich gibt es in Zhodino nur drei Ehrenbürger."

Vor einigen Jahren noch hätte sie sich kaum vorstellen können, jemals zu einer erwünschten Person in Weißrussland zu werden. "Als ich das erste Mal nach Dobrin gefahren bin, hat der Vater des Ortsvorstehers seinem Sohn gedroht: 'Wenn Du die Deutschen reinlässt, gehe ich'", erinnert sich Emmerich. Mittlerweile erlebe sie, dass die Bevölkerung in Weißrussland Deutschland immer offener und interessierter gegenüber stehe.

Ihre vor einigen Jahren getroffene Entscheidung, nicht mehr nur Kinder ins Ruhrgebiet einzuladen, sondern den Menschen in Weißrussland selbst beim Aufbau eines besseren Lebens zu helfen, hat sie bislang nicht bedauert. Nach zahlreichen erfolgreichen Projekten, darunter der Aufbau eines Behindertenzentrums in Zhodino, sieht sich Emmerich mit ihrer Initiative derzeit der bislang größten Herausforderung gegenüber.

Nach rund vierjähriger Bauzeit soll Ende Juni in Zhodino ein Jugendzentrum eröffnet werden. Ausgestattet mit Café, Computerraum und Beratungsangeboten für junge Familien soll es zum Treffpunkt für die Jugend der Industriestadt werden. Bislang sei ein solches Zentrum in Weißrussland einmalig, sagt Emmerich. Sie hofft, dass es für das ganze Land Modellcharakter haben wird.