Dunkles Jubiläum

Morgen: 20. Jahrestag von Tschernobyl

Morgen vor 20 Jahren, am 26. April 1986, ereignete sich die folgenschwerste Katastrophe in der Geschichte der zivilen Nutzung der Atomkraft: Block 4 des ukrainischen Atomkraftwerkes Tschernobyl explodierte und verstrahlte große Teile Europas. Zahlreiche Institutionen, Verbände und Politiker erinnern an das Unglück.

Stromtarife© Andre Bonn / Fotolia.com

Berlin/Wetzlar (red) - Zum 20. Jahrestag der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl fordern Grüne und Umweltschützer einen schnelleren Ausstieg aus der Atomenergie. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) bezeichnete den Atomunfall vom 26. April 1986 als "tragisches Symbol der Energiewende". Tschernobyl habe der Welt demonstriert, "dass die Atomenergie mit prinzipiellen Sicherheitsrisiken verbunden" sei, sagte der SPD-Politiker in Berlin.

Am 26. April 1986 um 1.23 Uhr ereignete sich im sowjetischen Kernkraftwerk Tschernobyl in der heutigen Ukraine eine unkontrollierte Kernschmelze, die zur Zerstörung des Reaktorblocks 4 und zur weiträumigen Freisetzung von Radioaktivität führte.

Grünen-Chef Reinhard Bütikofer forderte einen rascheren Ausstieg aus der Atomenergie. Tschernobyl sei eine "dauerhafte Warnung", dass Atomkraft ein "unkalkulierbares Risiko" bleibe. Die FDP warnte hingegen davor, sich bei der Energieversorgung von ausländischen Lieferanten abhängig zu machen. Dies hätten die "fortgesetzten Drohungen des Gasprom-Konzern" gezeigt, sagte die FDP-Energieexpertin Gudrun Knopp. Ein Ausstieg aus der Kernenergie gefährde die Energieversorgung in Deutschland.

In der Regierungskoalition ist es heute zu einem Streit um eine Broschüre des Umweltministeriums gekommen. Nach dem hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU) beschwerte sich auch die stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag, Katherina Reiche, über die Broschüre "Tschernobyl - Magazin zur Atompolitik", die das Umweltministerium 1,45 Millionen mal drucken und Zeitungen beilegen ließ und außerdem auf seiner Internetseite zum Download anbietet. Die Meinung der Bundesregierung zur Kernenergie werde "einseitig und verzerrt" wiedergegeben. Die Zeitungsbeilage sei provokant und trage nicht zur Entspannung bei, meinte Reiche.

Die atomkritische Ärzteorganisation IPPNW kritisierte unterdessen eine "verharmlosende Studie" der Atomenergiebehörde IAEO, die die Zahl der Tschernobyl-Opfer als viel zu niedrig ansetze. Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) demonstrierte vor den Zentralen der vier großen deutschen Stromkonzerne und forderte eine Abschaltung der Atomkraftwerke. Eine von der Umweltorganisation in Auftrag gegebene Studie habe ergeben, dass 62 Prozent der Deutschen diese Forderung teilten, während nur 20 Prozent für längere Laufzeiten plädierten.

Im nordrhein-westfälischen Landtag kommen heute Mittag Vertreter von mehr als 100 privaten Tschernobyl-Initiativen aus NRW zusammen. Sie wollen über ihr Engagement insbesondere in Weißrussland berichten. Zum 20. Jahrestag des Reaktorunglücks von Tschernobyl wird zudem eine Fotoausstellung "Tschernobyl und seine Folgen" eröffnet, die bis Donnerstag im Landtag zu sehen ist.

Aktivisten der Umweltschutzorganisation Greenpeace erinnern seit heute Mittag mit einem Glockenschlag 23 Minuten nach jeder vollen Stunde erinnert vor dem Brandenburger Tor in Berlin an den schlimmsten Unfall in der Nutzung der Atomenergie. Die Umweltschützer haben in Berlin Kerzen in Form eines Radioaktivitätszeichen angezündet und halten ein Banner mit der Aufschrift: "Tschernobyl zeigt: Atomkraft ist todsicher. Abschalten!". Bis Mittwoch Abend 20 Uhr wollen die 15 Greenpeace-Aktivisten der Katastrophe gedenken. In Hamburg eröffnet Greenpeace am Mittwoch zudem eine Ausstellung mit Fotos von Opfern der Radioaktivität.

Das Magdeburger Hygieneinstitut teilte unterdessen mit, dass die radioaktive Belastung in Sachsen-Anhalt in Folge des Reaktorunglücks nur noch unwesentlich erhöht sei und gesundheitliche Gefahren nicht mehr bestünden. Mit durchschnittlich 1000 Becquerel je Quadratmeter Boden liege die gemessene Dosis minimal über den Werten vor 1986.

Fernsehtipp zum Thema: Gaby Dietzen diskutiert in der Berliner PHOENIX Runde mit Gerd Ruge (Journalist, ehemaliger ZDF-Russlandkorrespondent), Prof. Klaus Traube (energiepolitischer Sprecher des Bund für Umwelt und Naturschutz) und Dr. Karl Theis (Geschäftsführer VGB PowerTech Service GmbH) am 26. April um 21 Uhr auf dem Fernsehkanal Phoenix (Wiederholung Mittwochnacht, 0.00 Uhr und Donnerstag, 27. April, 09.15 Uhr).