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Mainzer Forschungsreaktor wird 40

Der Forschungsreaktor TIGRA der Mainzer Universität ist jetzt seit 40 Jahren in Betrieb. Er wird in den Bereichen Kernchemie, Astrophysik, Nuklearmedizin und Umweltelementeforschung eingesetzt. In Betrieb genommen wurde er im August 1965 von Otto Hahn, dem Entdecker der Kernspaltung.

Stromtarife© Andre Bonn / Fotolia.com

Mainz (ddp-rps/sm) - "Wenn ich erzähle, dass wir auf dem Campus einen Reaktor stehen haben, werde ich immer ganz komisch angeschaut", berichtet der Mainzer Universitätspräsident Jörg Michaelis anlässlich des 40. Geburtstages des Forschungsreaktors TRIGA. Aber diese Reaktion sei irgendwo verständlich. Schließlich sei die Öffentlichkeit bei allem skeptisch, was mit Nuklearforschung zu tun habe. Trotzdem sei der Reaktor "das Highlight unseres Campus" und es gebe keinen Uni-Prospekt, wo er nicht erwähnt würde, sagt Michaelis.

Ein Reaktorunglück sei hier ein Ding der Unmöglichkeit, versichert der stellvertretender Betriebsleiter des Forschungsreaktors, Klaus Eberhardt. Der Reaktor schalte sich selber ab, wenn er eine Temperatur zwischen 300 und 350 Grad Celsius erreiche. "Das sind mehrere 100 Grad unter dem Kernschmelzpunkt", beruhigt Eberhardt. Ermöglicht werde dieser Mechanismus durch eine spezielle Legierung der Brennstäbe.

So ist der Reaktor denn auch zur Stromerzeugung nicht geeignet. Schließlich bringe er gerade mal schlappe 300 Glühbirnen zum Strahlen, erklärt Michaelis. Genutzt wird der Mini-Reaktor ausschließlich für Lehre und Forschung. Studenten der Fächer Biologie, Physik und Chemie können zum Beispiel beim Institut für Kernchemie ein einwöchiges Reaktorpraktikum machen. "Wir bieten diese Praktika mehrmals im Semester an. Allerdings ist die Teilnehmerzahl auf acht beschränkt", sagt Eberhardt. Anders sei es nicht möglich, dass "jeder mal den Reaktor fährt". Angehende Chemie- und Physiklehrer können dort außerdem eine Lizenz erwerben, die sie zum Umgang mit radioaktiven Präparaten berechtigt.

"Die Mainzer Chemiker sind für ihre schnellen Trennungen bekannt", verrät der geschäftsführende Leiter des Instituts für Kernchemie, Jens Kratz. Allerdings nur im Dienste der Wissenschaft. Das Markenzeichen der Mainzer Kernchemie sei nämlich das Erzeugen "kurzlebiger Spaltprodukte" und ihre Untersuchung mit schnellen chemischen Trennverfahren. Mithilfe des Forschungsreaktors, der als reine Neutronenquelle dient, haben die Wissenschaftler 26 künstliche Elemente erschaffen. Damit sei die Ordnungskette, die in der Natur mit dem 92. Element Uran endet, auf 118 erweitert worden, erklärt Kratz. Mainz sei die einzige Universität in Deutschland mit einem Reaktor für chemische Grundlagenforschung.

Die Anlage wird außerdem für die Astrophysik, Nuklearmedizin und Umweltelementeforschung eingesetzt. Durch die Neutronenbestrahlung können etwa Schadstoffe in geringen Mengen nachgewiesen werden. Nach Angaben von Michaelis gibt es in Deutschland insgesamt fünf Forschungsreaktoren, von denen zwei allerdings aus Altersgründen in nächster Zeit abgestellt werden sollen. Dann wäre der Mainzer Reaktor der älteste in Deutschland - und er solle noch mindestens zehn Jahre weiter laufen.

In den vergangenen 40 Jahren ist die Anlage über 15 000 Mal "gepulst", also aktiviert worden. Den ersten "Puls" gab der Entdecker der Kernspaltung und Nobelpreisträger Otto Hahn, der den Forschungsreaktor am 3. August 1965 in Betrieb nahm. Damals wurde der letzte von insgesamt 57 Brennstäben eingesetzt und die erste selbst erhaltende Kettenreaktion erreicht. Der Forschungsreaktor war auf Initiative von Fritz Straßmann, dem damaligen Leiter des Instituts für Anorganische Chemie und Kernchemie der Universität Mainz, gebaut worden. Offiziell gearbeitet und geforscht wird mit der Anlage erst seit 1967.

Von ddp-Korrespondentin Michaela Zin Sprenger