Arbeitsmarkt

Letzte Steinkohlezechen: Weitere Tausend Jobs gehen verloren

Die letzten Steinkohlezechen in Deutschland werden nach und nach geschlossen. Bisher sind rund 21 Millionen Euro an Steuergeldern in die Subventionen für einen sozialverträglichen Ausstieg geflossen. Wie sieht es aktuell in den Kohlestädten aus?

KohleIn den letzten Steinkohlezechen in Deutschland arbeiten noch rund 7.000 Bergleute.© Katarzyna M. Wächter / Fotolia.com

Bottrop/Ibbenbüren - In Deutschlands letzten Steinkohlezechen Prosper-Haniel in Bottrop und Ibbenbüren im Münsterland fallen in den nächsten zweieinhalb Jahren Tausende weitere Jobs weg. Derzeit werde die personalintensive Erschließung neuer Förderstrecken für den Kohleabbau bereits stark gebremst und Ende 2016 ganz eingestellt, sagte der Bottroper Bergwerksdirektor Jürgen Kroker am Dienstag der Deutschen Presse-Agentur.

Ende der Steinkohle bis 2018

Ende 2017 stoppen die Zechen dann die Ausstattung der Strecken mit neuen Fördermaschinen. "Dann leben wir nur noch von der Substanz", meinte Kroker. Deutschland stellt nach dem Steinkohle-Kompromiss von 2007 die unrentabel gewordene Förderung bis Ende 2018 komplett ein.

Tausende Menschen verlieren ihre Jobs

Insgesamt arbeiten aktuell noch rund 7.000 Bergleute beim Zechenunternehmen RAG, 2007 im Jahr des Ausstiegsbeschlusses waren es noch fast 33.000, in Spitzenzeiten Mitte der 1950er Jahre beschäftigte die Branche über 600.000 Mann. Wenn die letzten Zechen leergeräumt und geschlossen sind, werden bei der RAG den Planungen zufolge nur noch einige hundert Menschen beschäftigt, die sich etwa um die Wasserhaltung - also das Abpumpen von Grubenwasser - kümmern.

Deutsche Kohle ist vergleichsweise teuer

Die deutsche Kohle, die aus großen Tiefen gewonnen wird, ist deutlich teurer als Importware aus Ländern wie Russland, den USA, Kolumbien oder Australien. Der Weltmarktpreis liegt bei unter 60 Euro pro Tonne, die Förderkosten in Deutschland sind mehr als doppelt so hoch.

Subventionen für einen sozialverträglichen Ausstieg

Ein langsamer und damit sozialverträglicher Ausstieg aus der Förderung war 2007 mit dem Steinkohle-Kompromiss garantiert worden. Seit 2008 sind gut 12,6 Milliarden Euro an Steinkohle-Subventionen geflossen, um die deutsche Förderung aufrecht zu erhalten. Hinzu kommen erhebliche Leistungen für den Vorruhestand von Bergleuten.

Rund 21 Millionen Euro Steuergelder für den Kohleausstieg

Insgesamt soll der Kohleausstieg nach älteren Zahlen bis zu 30 Milliarden Euro kosten, davon kommen vom Steuerzahler etwa 21 Milliarden Euro. Andererseits konnte mit den erheblichen Summen der Ausstieg ohne soziale Härten und größere Proteste umgesetzt werden.

Schlag für Arbeiter in Bottrop

Für die betroffenen Mitarbeiter und die Bergbaustädte bedeutet das Kohle-Aus trotzdem einen gravierenden Einschnitt. In Bottrop - einer Stadt mit rund 30.000 sozialversicherungspflichtigen Stellen - hängen laut einem Sprecher etwa 1.500 Jobs direkt an der Kohle, viele weitere indirekt: "Das wird ein Schlag ins Kontor, wenn die Zeche geht."

Die Stadt und der Kohlebetreiber RAG hätten sich aber früh gemeinsam auf die Zeit nach der aktiven Förderung vorbereitet. Erste Pläne zielen auf neue Gewerbegebiete in Zusammenarbeit mit der Nachbarstadt Essen, die dringend Platz für neue Ansiedlungen sucht.

Gute Perspektiven in Ibbenbüren

In Ibbenbüren wird die Umstellung durch die sehr günstige Arbeitsmarktlage mit nur 3,5 Prozent Arbeitslosenquote - also de facto Vollbeschäftigung - gemildert. "Der Arbeitsmarkt saugt die frei werdenden Kräfte regelrecht auf", erklärt ein Sprecher in Ibbenbüren. Viele kämen in mittelständischen Metall- und Elektrobetrieben unter.

Landesgartenschau auf dem Gelände eines ehemaligen Bergwerks

Der Strukturwandel auf den riesigen Zechengeländen ist fast immer ein mühsames Langzeitprojekt, es gibt aber auch überraschende Erfolge. So ist auf dem Gelände des 2012 geschlossenen Bergwerks West in Kamp-Lintfort am Niederrhein die Landesgartenschau 2020 geplant, und die Hochschule der Stadt siedelt sich hier an.

Kritik: Tiefe Flöze kosten weitere Steuergelder

Kritik an der Steinkohle gab es bis zuletzt. Umweltschützer in der Nähe des Bottroper Bergwerks bemängeln etwa, dass kurz vor dem Ende der Förderung noch relativ mächtige Flöze von rund vier Metern abgebaut werden. "Das bringt uns noch mal riesige Probleme mit Bergsenkungen über Tage", sagt Michael Farien von der Initiative bergbaubetroffener Bürger (IBB). "Und je mehr die noch rausholen, desto mehr Subventionen brauchen wir doch."

Heftige Diskussionen gibt es auch um das Umweltgift PCB, das in den 1980er Jahren gemäß Brandschutzauflagen unter Tage in Hydraulikflüssigkeiten eingesetzt wurde. Umweltschützer fürchten, dass das Gift ausgespült werden und ins Trinkwasser gelangen könnte.

Quelle: DPA