Negative Folgen für Wirtschaft

Lausitz-Dorf: Bewohner haben Angst vor dem Tagebau

"Gegen Abbaggerung und Vertreibung" ist auf Plakaten an fast jedem Haus in Mulknitz in der Lausitz zu lesen. Obwohl das 93-Einwohner-Dorf vorerst nicht auf Vattenfalls Braunkohleabbauliste steht, sind die Bewohner skeptisch. "Wir trauen dem Frieden nicht", sagt Einwohner Helmut Fleischhauer.

Stromnetz Ausbau© Gina Sanders / Fotolia.com

Mulknitz (ddp-lbg/sm) - Die Menschen haben sich deshalb zusammengeschlossen und kämpfen für den Erhalt ihres Dorfes. Dabei führen sie nicht nur ökologische, sondern auch wirtschaftliche und kulturelle Gründe an. Mit einer Unternehmensstudie versuchen der Kaufmann Matthias Geigk und der Physiotherapeut und Dozent Leander Hirthe die These zu belegen, dass Regionen, die vom Tagebau betroffen sind, mit steigender Arbeitslosigkeit zu kämpfen haben. Eine Befragung unter 41 regionalen Firmen mit 187 Mitarbeitern ergab, dass 75 Prozent direkte negative Ausstrahlungseffekte auf das eigene Unternehmen befürchten, falls die Tagebaue Forst-Hauptfeld und/oder Jänschwalde-Süd in Betrieb gehen. Das Handwerk ist besonders pessimistisch, alle Befragten aus dieser Branche sehen sich in ihrer Existenz bedroht.

Vor allem mittelständische Unternehmen rechnen mit rückläufigen Umsatzzahlen, weil sich das Einzugsgebiet verringert und die Kaufkraft demzufolge nachlässt. "Die arbeitstätigen Einwohner von Mulknitz fürchten deshalb auch um ihre wirtschaftliche Existenz", sagt der 60-jährige Fleischhauer. Derzeit gebe es in dem Dorf keinen einzigen Arbeitslosen. Doch wenn der Tagebau näher rückt, könnte sich das schnell ändern. "Überall auf der Welt, wo Tagebau betrieben wird, ist die Arbeitslosigkeit am höchsten - das ist kein Zufall", fügt er hinzu.

Um ein Zeichen zu setzen, wechselten kürzlich fast 80 Prozent der Haushalte des Dorfes zu einem ökologischen Stromanbieter. Die Kritik der Mulknitzer an der weiteren Braunkohleabbaggerung in der Lausitz gründet sich auch auf die kulturellen Folgen. "Unser Ort hat eine lange Geschichte und eine Seele, die es zu schützen gilt", sagt Fleischhauer. Der sorbischen Kultur drohe das Aus. "Ihr natürlicher Lebensraum wird ihr weggenommen, denn Umsiedlungen zerstören die über Jahrhunderte lang gewachsenen Strukturen."

Die Mulknitzer haben nicht nur Angst vor der kompletten Abbaggerung ihres Ortes, auch ein aktiver Tagebau in unmittelbarer Nähe bedeutet für sie "eine erhebliche Einschränkung der Lebensqualität". Der tägliche Lärm sei auf Dauer nicht zu ertragen, ist Fleischhauer überzeugt.

Der "Aufklärungsinitiative", wie Fleischhauer die Bewegung des Dorfes nennt, haben sich auch drei andere Orte aus der Nachbarschaft angeschlossen. Inzwischen bestehen Fleischhauer zufolge Kontakte zu vielen Orten der Region bis hin zu der Bürgerinitiative in den Ortsteilen Rohne und Mulkwitz der sächsischen Gemeinde Schleife.

Gemeinsames Ziel ist der Stopp des Braunkohleabbaus in der Lausitz. Die Einwohner stehen hinter der von Umweltverbänden, den Grünen und der Linkspartei unterstützten Volksinitiative "Keine neuen Braunkohletagebaue - für eine zukunftsfähige Energiepolitik". 20.000 Unterschriften sind nötig, damit sich der Landtag mit dem Ansinnen beschäftigt. "Es ist Zeit für eine Richtungsänderung, damit die Menschen in der Lausitz endlich wieder ruhig schlafen können", sagt Fleischhauer.