Projekt

Langzeitarbeitslose helfen Bedürftigen beim Stromsparen

Inzwischen gibt es in vielen deutschen Städten so genannte Stromsparhelfer, die bedürftige Familien beraten. Dabei profitieren mehrere Seiten: Die Familien erhalten individuell zugeschnittene Tipps, die Kommunen sparen, und die Bürgerarbeiter haben wieder einen Job. Doch dieser Job ist eine Gratwanderung.

Stromtarife© Andre Bonn / Fotolia.com

Jena/Gera (dapd/red) - "Die strahlt einen morgens direkt freundlich an", sagt Stephan Kern erfreut, als er die neue Lampe im Badezimmer anschaltet. Der 51-Jährige ist ein bisschen überrascht, dass Energiesparlampen mittlerweile aussehen wie Glühbirnen. "Früher waren die so hässlich, dass man sich die nicht in die Wohnung hängen wollte". Das sei längst vorbei, erklärt ihm Michael Peters, der zusammen mit Manuela Döring vorbeigekommen ist, um bei den Kerns die Lampen auszutauschen.

Peters und Döring sind Stromsparhelfer. Vor zwei Wochen waren sie bereits in der Wohnung, um den Verbrauch aller Geräte aufzulisten und Stephan und Bettina Kern zu ihrem Nutzungsverhalten zu befragen. Nun haben sie individuell erstellte Spartipps und kostenlose Soforthilfen mitgebracht: Neben den Lampen sind das ein neuer Duschkopf und Steckerleisten. Damit soll Familie Kern rund 150 Euro im Jahr sparen können. Geld, das die beiden gut gebrauchen können, denn Bettina Kern ist seit drei Jahren erwerbsunfähig, ihr Mann seit einem Bandscheibenvorfall 1994 arbeitslos.

Wasser und Strom sparen: Auch die Kommune profitiert

"Vom Stromspar-Check sollen drei Seiten profitieren", sagt Bert Rupprecht, Energieberater der Stadtwerke Jena. Neben den Empfängern staatlicher Leistungen wie Hartz IV, Sozialhilfe oder Wohngeld, die Anrecht auf den kostenlosen Service haben, sparten auch die Kommunen durch den geringeren Wasserverbrauch der Hartz-IV-Haushalte. Zudem verringere man die CO2-Emission, was dem Klima nütze.

Deswegen habe er sich zusammen mit der lokalen Caritas darum bemüht, dass seit Anfang des Jahres nun auch in Jena acht Stromsparhelfer unterwegs sein können. Initiiert wurde das Projekt deutschlandweit 2008 vom Deutschen Caritasverband und dem Bundesverband der Energie- und Klimaschutzagenturen Deutschland (eaD). Finanziert wird es zudem vom Bundesumweltministerium mit Geldern aus dem CO2-Emissionshandel.

Mundpropaganda ist extrem wichtig

2008 war in Thüringen nur Gera am Projekt beteiligt. Am Anfang sei es schwer gewesen, Haushalte zu finden, die den Service in Anspruch nehmen wollten, sagt Melanie Weise von der Caritas in Gera. "Es glaubt einem ja niemand, dass man vorbeikommt und dann auch noch ein Geschenk mitbringt." Durch Weiterempfehlungen aber habe man irgendwann das nötige Vertrauen gewinnen können: Ende 2011 wurde der 1.000. Haushalt auf Energiefallen überprüft, pro Monat kommen 40 bis 50 Haushalte hinzu.

Auch in Jena sei die Mundpropaganda sehr wichtig, sagt Stromsparhelfer Peters. "Außerdem hilft es, dass wir deren Situation gut verstehen." Peters und die anderen Stromsparhelfer waren selbst Langzeitarbeitslose, bevor sie als Bürgerarbeiter eingestellt wurden. Das nötige Wissen haben sie bei Nikolaus Huhn gelernt, einem selbstständigen Energieberater aus Jena. Nach einem einwöchigen Theoriekurs begleitet Huhn die neuen Teams bei den ersten Besuchen. Dort lernten sie "das richtige Fingerspitzengefühl" im Umgang mit den Kunden, sagt Huhn.

Dennoch sei es immer eine Gratwanderung, die Leute zu beraten, sagt Stromsparhelferin Döring. "Man will ja keine Vorschriften machen." Familie Kern fühlt sich nicht bevormundet. Obwohl sie schon vorher beispielsweise mit den Sparprogrammen der Spülmaschine viel Energie reduziert habe, habe auch sie noch Geld sparen können, sagt Bettina Kern. "Es ist wirklich eine tolle Sache."

Auch für die Helfer lohnt sich der Einsatz

Für Peters und Döring lohnt sich der Einsatz ebenso, denn Ausbildung und Erfahrung können beim Wiedereinstieg in den Beruf helfen. Beispielsweise bei einer Tätigkeit im Baumarkt oder als Hausmeister, sagt Energieberater Huhn.

Auch wenn das Projekt ein voller Erfolg sei und bereits zweimal verlängert wurde, sei nicht klar, ob es auch nach 2012 weiter finanziert werde, sagt Manuela Weise. Für Gera würden die fehlenden Bundesmittel das Aus bedeuten; Jena könnte dank dem Engagement der Stadtwerke überleben. Allerdings brauche man dann die Unterstützung der Kommune, sagt Rupprecht. "Aber es wäre schon ein Armutszeugnis, wenn ein so erfolgreiches Projekt nicht fortgeführt würde."