In der Elbmarsch

Krümmel-Bericht: Ursachen für gehäufte Leukämieerkrankungen unklar

Die niedersächsische Landesregierung hat heute den Bericht zweier Expertenkomissionen präsentiert, die die Häufung von Leukämiefällen bei Kindern im Umfeld des schleswig-holsteinischen Kernkraftwerks Krümmel untersuchten. Ergebnis: Es gibt keine wissenschaftlich begründbare Erklärung.

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Hannover (ddp-nrd/sm) - Für die Häufung von Leukämiefällen bei Kindern im Umfeld des schleswig-holsteinischen Kernkraftwerks Krümmel gibt es offenbar keine wissenschaftlich begründbare Erklärung. Man befinde sich "in der traurigen Situation", trotz aufwändiger Untersuchungen nach 14-jähriger Tätigkeit keine entsprechenden Ergebnisse liefern zu können, sagte der Sprecher einer der beiden vom Land Niedersachsen eingesetzten Expertenkommissionen, Erich Wichmann, Direktor des Instituts für Epidemiologie am GSF-Forschungszentrum in München, heute in Hannover. Die Landesregierung präsentierte am selben Tag den von den Sprechern vorgelegten Bericht der beiden Leukämie-Kommissionen.

Es sei bedauerlich, dass die Ursache der Erkrankungshäufung bei Kindern aus der niedersächsischen Samtgemeinde Elbmarsch trotz enormer Bemühungen der Experten nicht aufgeklärt werden konnte, erklärte der Staatssekretär im niedersächsischen Sozialministerium, Gerd Hoofe. Die Landesregierung teilt demnach die Feststellung im Abschlussbericht, dass "keine Belege für den naheliegenden Verdacht gefunden werden konnten, es gäbe einen ursächlichen Zusammenhang zwischen den bei Kindern aus dem Fünf-Kilometer-Radius um die Nuklearanlagen von Geesthacht gehäuft auftretenden Leukämiefällen und den Emissionen dieser Anlage bei bestimmungsgemäßem Betrieb".

Dem Kommissionsbericht zufolge konnten im fraglichen Zeitraum auch keine kerntechnischen Unfälle mit massiven Radioaktivitätsfreisetzungen ermittelt werden. Transuranfunde in Boden- und Dachstaubproben lassen sich demnach auf Kernwaffenversuche in den 60er Jahren und das Unglück von Tschernobyl zurückführen. Wichmann zufolge bewegt sich die vergleichsweise drei- bis vierfach erhöhte Zahl von Leukämiefällen in der betroffenen Region im Rahmen des statistisch Wahrscheinlichen. Eine solche Häufung sei "nicht so ungewöhnlich", erlange allerdings wegen der Nähe zum Kernkraftwerk einen anderen Stellenwert, sagte er. Sollten sich neue Ansatzpunkte ergeben, würde er der Landesregierung die Aufnahme weiterer Untersuchungen empfehlen.

In der Kommission gab es kontroverse Ansichten, einige Mitglieder waren in der Vergangenheit ausgetreten. Er wolle kein Geheimnis daraus machen, dass einige Kommissionsmitglieder die Dinge anders sehen, sagte Wichmann. Er räumte ein, dass der Abschlussbericht nicht in der Kommission diskutiert worden sei, sondern er als Leiter das Papier vorlege. Gleichwohl stütze sich dieses auf die mehrheitlich abgesicherten Anschauungen. Die Bremer Atomphysikerin Inge Schmitz-Feuerhake kritisierte indes, der vorgestellte Bericht gebe die "selektive Meinung" der Kommissionsvorsitzenden und der Landesregierung wieder.

Die Expertenkommission unter Wichmanns Leitung hatte seit 1990 gearbeitet. 1993 wurde ihr die Arbeitsgruppe Belastungsindikatoren unter Leitung von Eberhard Greiser vom Bremer Institut für Präventionsforschung, Sozialmedizin und Epidemiologie beigesellt. Beide Untersuchungskommissionen arbeiteten den Angaben zufolge eng mit der zur Aufklärung der Leukämiefälle befassten Fachkommission des Landes Schleswig-Holstein zusammen.

Von Ekkehard Beisker