Freud und Leid

Kommentare zum RWE-Vorstandswechsel: Kein großer Wurf oder Glücksgriff?

Die deutschen Journalisten sind sich uneins darüber, ob die Wahl des RWE-Aufsichtsrats, den Stahlunternehmer Jürgen Großmann zum neuen RWE-Chef zu machen, "kein großer Wurf" oder doch ein "Glücksgriff" ist. In jedem Fall war es eine Überraschung und nun wird sich zeigen, ob eine gute oder eine schlechte.

Strompreise© Gina Sanders / Fotolia.com

Wetzlar (red) - Im Februar 2008 wird sich an der Spitze eines der größten deutschen Energiekonzerne einiges ändern: Der derzeitige RWE-Vorstandschef Harry Roels wird dann abgelöst von Stahlunternehmer Jürgen Großmann (wir berichteten bereits gestern). Im folgenden findet sich eine kleine Presseschau dazu.

So schreibt etwa Martin Kessler in seinem Kommentar in der Rheinischen Post: "Der RWE-Konzern bleibt sich selbst treu. Das Unternehmen, in dem SPD- und CDU-Kommunen, gleich zwei Gewerkschaften und alte Ruhrgebiets-Seilschaften den Ton angeben, hat den Mann in die Wüste geschickt, der aus dem Energieriesen einen normalen, kapitalmarktorientierten Konzern machen wollte. So war Roels beim Abbau der Schulden und dem Anstieg des Börsenkurses höchst erfolgreich, aber die Kommunikation mit den entscheidenden Gruppen im Konzern klappte nicht. Zugleich fehlte dem Holländer eine Vision, wohin er das Unternehmen entwickeln wollte." (...)

Und weiter: "Mit Jürgen Großmann kommt ein erfolgreicher Mittelständler an die Spitze des Unternehmens. Das ist ein Wagnis, denn einen börsennotierten Konzern hat der umtriebige Selfmade-Man noch nicht geführt. Den zweitgrößten deutschen Energieanbieter im zusammenwachsenden europäischen Markt richtig zu positionieren und den Abstand zur übermächtigen E.ON nicht zu groß werden zu lassen, ist eine gewaltige Aufgabe. Großmann kann zupacken und liebt Herausforderungen. Die von RWE könnte eine Nummer zu groß sein."

Brunfrid Rudnick bezeichnete den Wechsel in der Börsen-Zeitung als keinen großen Wurf: "Die erste spontane Reaktion der Börse auf den Wechsel an der RWE-Spitze zum 1. Februar 2008 lässt nur eine Interpretation zu: Dem Kapitalmarkt gefällt die Entscheidung nicht, die der Aufsichtsratsvorsitzende Thomas R. Fischer eingefädelt hat. Um bis zu 4 Prozent sackte der RWE-Kurs nach Verbreitung der Nachricht durch. Am Kapitalmarkt hätte man es begrüßt, wenn dem Amtsinhaber Harry Roels, der erst am 26. Juli 2008 die bei RWE geltende Altersgrenze von 60 Jahren erreicht, seinem Wunsch entsprechend eine Vertragsverlängerung gewährt worden wäre."

Weiter: "Der Niederländer verfolgte von Beginn an eine kapitalmarktorientierte Politik und löste seine Versprechen ein. Er hat den Konzern auf Strom und Gas fokussiert, hat aus dem Schuldenberg von netto 23 Mrd. Euro ein Guthaben von 2 Mrd. Euro entstehen lassen, und er hat den Aktienkurs während seiner Amtszeit verfünffacht. (...) Die überraschende Wahl des Stahlunternehmers Jürgen Großmann zum neuen Vorstandschef dürfte dem RWE-Kurs einen weiteren Dämpfer versetzt haben. Er gilt zwar als ein sehr erfolgreicher Unternehmer und als ausgewiesener Stahlexperte mit guten Drähten zur Politik. Doch für die Energiewirtschaft und den Kapitalmarkt ist er ein unbeschriebenes Blatt, und für die Führung eines Großkonzerns bringt der Mittelständler keine Expertise mit." (...)

Ulrich Reitz von der Westdeutsche Allgemeine Zeitung ist indes ganz anderer Meinung: "Jürgen Großmann zum RWE - müsste man nicht mit Vorschusslorbeeren vorsichtig sein, würde man sagen: ein ausgesprochener Glücksgriff. Nicht nur, weil der Stahlmann aus Leidenschaft spätestens seit gestern - für das Unternehmen kostenlos, weil er ja erst in knapp einem Jahr übernimmt - über solche für ihn einigermaßen neue Sachen nachdenkt wie den Energiemix der Zukunft, den Umgang mit dem Gasriesen Russland, die Entbürokratisierung von Großunternehmen, die Atomfrage, usw. Sondern auch, weil er für diesen Konzern, der seinen Ruf als Versammlung von Oberstadtdirektoren nie so richtig los werden konnte, auch nicht unter der Führung von Harry Roels, einen leibhaftigen Traditionsbruch bedeutet: Jetzt kommt ein Typ mit einer wuchtigen Persönlichkeit, 140 Kilo Lebendgewicht verteilt auf 203 Zentimeter, gewiss kein Verwalter, sondern ein Menschen-Mitnehmer mit Lust an der Veränderung, der klotzige Sätze sagt wie: "Ich habe die bestbezahlten Stahlarbeiter Deutschlands. Darauf bin ich stolz." (...)

Und weiter: "Nun wird also ein Alphatier, ein "deutscher Europäer" zudem, heimkehren ins Ruhrgebiet. Ein erprobter Strukturwandler. Man wird sehen, was er mit dem RWE anstellt (oder die mit ihm). Auch anderswo dürfte es noch ganz unterhaltsam werden. Der ebenso informelle wie ernsthafte Wettbewerb um den künftigen "Baron vom Revier" ist überraschend wieder völlig offen.