Studie

Kohlekraft: Greenpeace warnt vor Quecksilber-Belastung

Die Quecksilber-Belastung ist einer Studie zufolge in Deutschland deutlich zu hoch. Mediziner haben das Gutachten im Auftrag von Greenpeace erstellt. Die Ergebnisse dürften neuen Zündstoff für die sowieso bereits heftigen Diskussionen zu den Kohlekraftwerken liefern.

Kohle© Anzelm / Fotolia.com

Berlin (dpa/red) - Die Greenpeace-Aktivisten rücken im Morgengrauen mit ihren Beamern an. Auf die riesigen Kühltürme von sieben Kraftwerken projizieren sie Totenkopf-Bilder und den Spruch "Kohle tötet". Mit dieser Lichtshow wollten die Umweltschützer vor ein paar Wochen darauf aufmerksam machen, dass bei der Stromproduktion vor allem aus Braunkohle nicht nur schädliche Treibhausgase freigesetzt werden, sondern auch das giftige Schwermetall Quecksilber.

Schlacht um Klimaschutz-Strafabgabe für Kohlemeiler

Jetzt legt Greenpeace mit einer neuen Studie nach. Der Zeitpunkt ist bewusst gewählt. Während in Deutschland gerade eine heftige Lobbyschlacht um die von Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) geplante Klimaschutz-Strafabgabe für die Braunkohle tobt, versammeln sich Anfang Juni im spanischen Sevilla europäische Experten, um über künftige EU-Schadstoffgrenzen auch für Kohle-Kraftwerke ab dem Jahr 2020 zu beraten. Für Quecksilber gibt es bislang europaweit gar keine einheitliche Obergrenze.

Gutachten bestätigt: Quecksilber-Belastung ist zu hoch

Die Mediziner und Toxikologen Peter Jennrich und Fritz Kalberlah haben für Greenpeace ein Gutachten erstellt und sind besorgt. Die Quecksilber-Belastung in Deutschland, dem größten Emittenten in Europa, sei deutlich zu hoch. "Jedes dritte in der EU geborene Baby kommt heute mit zu hohen Quecksilberwerten zur Welt", meint Jennrich. Die Emissionen müssten drastisch verringert werden.

Vorsicht beim Fischkonsum

Aufpassen müssen vor allem Verbraucher, die gern und viel Fisch essen, weil das industriell ausgestoßene Quecksilber sich in den Weltmeeren ablagert und in die Nahrungskette gelangt. Die Deutschen zählen in Europa eher zu den Fischmuffeln, konsumieren weniger Meeresfrüchte als der EU-Durchschnitt. Das spiegelt sich bei der Quecksilber-Belastung wider, wie das Umweltbundesamt (UBA) schon Mitte 2014 erläuterte. Für eine Pilotstudie waren in 17 EU-Ländern Haarproben von jeweils 120 Kindern im Alter von 6 bis 11 Jahren sowie von deren Müttern untersucht worden.

Im Mittel wiesen die 1.836 Kinder aus den beteiligten Ländern 0,145 Mikrogramm Quecksilber pro Gramm Haar auf - die deutschen Kinder aber nur 0,055 Mikrogramm. Auch die deutschen Mütter hatten entsprechend geringere Werte. "Vor allem führte steigender Fischkonsum bei Kindern und Müttern zu einem Anstieg des Quecksilbergehaltes", so das UBA-Fazit. Amalgam-Zahnfüllungen, kompakte Leuchtstofflampen oder Haarfärben hatten keinen Einfluss auf den Quecksilbergehalt der Haare. Das gilt auch für zerbrochene Fieberthermometer.

Greenpeace fordert strengere Grenzwerte

Greenpeace fürchtet, dass die EU nicht den Mut hat, der durch den Vormarsch von Wind- und Sonnenstrom ohnehin gebeutelten Kohle-Industrie ähnlich strenge Vorgaben wie die USA vor die Nase zu setzen. Dort dürfen bestehende Braunkohle-Kraftwerke nicht mehr als 4,8 Mikrogramm Quecksilber pro Kubikmeter Abluft ausstoßen, bei der Steinkohle sind es 1,5 Mikrogramm. In der EU ist ein Jahresgrenzwert von 10 Mikrogramm für Braunkohle-Meiler im Gespräch, der in Deutschland bereits ab 2019 gelten wird.

Greenpeace fordert, den Ehrgeiz zu verzehnfachen - auf ein Mikrogramm: "Mit schon heute verfügbaren Technik kann der Quecksilberausstoß in Kohlekraftwerken um 80 Prozent reduziert werden", meint Energie-Experte Andree Böhling. Einige deutsche und ausländische Braunkohle- und Steinkohlekraftwerke würden schon seit Jahren weniger als drei Mikrogramm schaffen, weil sie hochmoderne Filter einsetzten. Die Kosten für eine Nachrüstung aller Kraftwerke seien überschaubar.

Quelle: DPA