Gas als politisches Druckmittel?

"Katastrophe für Europa": EU fürchtet sich vor "Gas-OPEC"

Am Montag könnte eine wegweisende Vorentscheidung für die künftige Energieversorgung der westlichen Welt fallen. Das Forum Gas exportierenden Staaten (GECF) will angeblich die Gründung eines Gas-Kartells diskutieren. Ähnlich wie die OPEC könnten so Preise manipuliert und Erdgas als strategisches Mittel einsetzt werden.

Netzausbau© Thomas Aumann / Fotolia.com

Berlin (ddp/sm) - Trotz beruhigender Worte am Rande eines Treffens des GECR ist Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) davon überzeugt, dass "hinter den Kulissen" an einem Gas-Kartell gearbeitet wird. Zuvor hatten Teilnehmer des Treffens betont, dass sie kein Kartell planten. Sie wollten nur ihre Zusammenarbeit verbessern. Kemfert aber meint: "Es war klar, dass diese Staaten gegenüber den Medien nicht über Kartellpläne sprechen würden. Dafür sind die Märkte zu sensibelFür die DIW-Expertin sind nicht unbedingt OPEC-ähnliche Strukturen zu erwarten. "Aber an zumindest losen Preisabsprachen" wird ihrer Meinung nach gearbeitet. Es sei langfristig mit einer "Oligopolisierung des Markes zu rechnen".

Gas-Kartell wäre "Katastrophe für Europa"

Der algerische Ölminister Khelil sagte dagegen, man bewege sich langfristig "in Richtung einer 'Gas-OPEC'". Die EU warnte das GECF unterdessen, dass sie auf ein Preiskartell im Erdgasbereich reagieren und andere Energiequellen fördern werde. Sollten sich die Anbieter auf ein gemeinsames Vorgehen einigen, "könnten die Gasproduzenten in Zukunft ein erhebliches Machtpotenzial entwickeln", sagte Peter Gerling, Energiefachfachmann bei der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR). Enno Harks von der Stiftung für Wissenschaft und Politik (SWP) warnt bereits für den Fall einer Einigung langfristig vor "einer Katastrophe für Europa."

Als mögliche Kandidaten für die Gründung einer ersten Kerngruppierung gelten Russland, Iran, Katar, Algerien, Libyen und Venezuela. Deren Marktmacht ist enorm. "Allein Russland und Algerien liefern rund 90 Prozent der gesamten Gasimporte nach Westeuropa", sagt Harks. Katar, Iran und Venezuela spielen derzeit noch eine eher untergeordnete Rolle, doch ihre Erdgasreserven sind gewaltig. Wissenschaftler der Universitäten Stanford und Rice (beide USA) wiesen bereits 2004 in einer Studie darauf hin, dass die Konzentration großer Teile der Reserven in wenigen Händen bei Erdgas stärker sei als beim Öl. So besäßen Russland und Iran allein rund 45 Prozent der Erdgasreserven.

Gas-Reserven in politisch unsicheren Regionen

Derzeit deckt Erdgas rund 23 Prozent des Primärenergiebedarfs der EU-25. Experten rechnen damit, dass der Anteil bis zum Jahr 2020 auf etwa 32 Prozent steigt. Dagegen dürfte die Produktion in Großbritannien und den Niederlanden, den wichtigsten Anbietern innerhalb der EU, sinken. Bedenklich ist aus europäischer Sicht, dass die großen Gas-Reserven ähnlich wie beim Öl in politisch schwer berechenbaren oder instabilen Regionen lagern. Von den weltweiten Reserven (179.000 Gigakubikmeter) befinden sich rund 130.000 Gigakubikmeter im Nahen Osten und den GUS-Staaten. Die EU kommt dagegen kaum auf 4000 Gigakubikmeter.

Moskau, das der unliebsamen Ukraine im Winter 2005 bereits einmal kurzerhand das Gas abdrehte, die Mullahs in Teheran und die Emire von Katar besitzen damit ein Machtmittel, das mit jedem Jahr wertvoller wird. Ungemütliche Aussichten in einer Zeit in der, so DIW-Expertin Kemfert, "die Tendenz zunimmt, Energieressourcen politisch zu nutzen und sie als Waffe einzusetzen."

Preise könnten durch Preisabsprachen steigen

Noch haben die Gasimporteure Zeit, sich auf neue Marktkonstellationen vorzubereiten. Bisher werden Gasverträge langfristig abgeschlossen. Oft werden neue Felder erst erschlossen, wenn die vermutete Fördermenge bereits fest verkauft ist. Doch diese Strukturen dürften zunehmend aufgeweicht werden. Die EU-Kommission will weg von langfristigen Bindungen, um den Wettbewerb zu erhöhen. Und bei dem an Bedeutung gewinnenden Flüssiggas (LNG) sehen Experten am Horizont bereits einen Spotmarkt, auf dem zu tagesaktuellen Preisen angeboten und gekauft wird. "Je mehr Flüssiggas gehandelt wird", so BGR-Experte Gerling, "umso näher kommen wir einem echten Weltmarkt."

Üblicherweise bringt ein Mehr an Wettbewerb sinkende Preise mit sich. Ausgerechnet beim Erdgas könnte langfristig der gegenteilige Effekt drohen. Befreit von langfristigen Verträgen könnten Mitglieder einer Gas-Opec ihre Marktmacht ungehinderter ausüben. Bei steigender Nachfrage und zunehmenden Preis-Absprachen weniger, mächtiger Energiebesitzer sieht DIW-Expertin Kemfert die Preise bei einer Liberalisierung des Marktes denn auch "eher steigen".

Kartellgründung bringt Schwierigkeiten mit sich

Die Gründung eines Kartells ist allerdings schwierig. So müsste eine Gas-Opec festlegen, welches Förderland wie viel Gas produzieren und verkaufen kann. Wonach aber soll dies festgelegt werden? Nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten, wie es vermutlich Staaten wie Katar oder die Vereinigten Arabischen Emirate bevorzugen würden? Oder sollen auch politische Überlegungen eine Rolle spielen? Dies könnte für die Mullahs in Teheran, Venezuelas Hugo Chavez oder auch Moskau reizvoll sein. Wie aggressiv oder ausgleichend will das kartell wirken? Hier eine einheitliche Strategie zu finden dürfte zu den größten Schwierigkeiten gehören.

Trotzdem müsse sich der Westen positionieren. SWP-Fachmann Harks warnt davor, die Anbieter wegen ihrer Kartell-Idee zu verprellen. "Statt dessen könnte man beispielsweise Algerien eine Kooperation anbieten, eine Assoziierung mit der EU oder Freihandelsabkommen", schlägt er vor. Auch andere Förderländer gelte es einzubinden. "Das sind zwar weiche Ansätze", so Harks, "aber sie zählen zu den wenigen Optionen mit denen wir es schaffen können, uns auf Augenhöhe mit den Anbietern zu bewegen."

Kanada und Niederlande als alternative Anbieter?

Bereits seit einigen Monaten beschäftigt die mögliche Gründung einer Gas-Opec Politiker und Experten wieder verstärkt. Einige Fachleute weisen aber darauf hin, dass größere Gasexporteure wie Kanada oder die Niederlande noch nicht einmal dem GECF, das die Bildung eines Kartells erwägt, angehören. Es seien, so die Logik, alternative Anbieter vorhanden, die ausgleichend eingreifen könnten. Doch das Argument hat nur begrenztes Gewicht, da eine tendenzielle Abnahme der niederländischen Produktion in den nächsten Jahren zu erwarten ist. Kanada hat den USA bereits angekündigt, künftig weniger Erdgas zu liefern, da das Land immer mehr Gas selbst brauche.

Im Jahr 2005 betrugen die weltweiten Erdgasimporte rund 842,4 Gigakubikmeter. Größter Exporteur war dabei Russland mit 203 Gigakubikmeter vor Kanada (104,2) und Norwegen (82,5). Die höchste Erdgasförderung wiesen die GUS-Staaten mit 817,5 Gigakubikmeter aus. Davon entfielen auf Russland 636 Gigakubikmeter. Nordamerika förderte 750,7 Gigakubikmeter. Den höchsten Verbrauch an Erdgas hatten die USA mit 629 Gigakubikmetern. Es folgten Russland (435) sowie Deutschland und England mit je 100,4 Gigakubikmeter.