Einigung um Konzernspitze

Jürgen Großmann übernimmt RWE-Vorstandsvorsitz zum 1. Oktober

Das monatelange Tauziehen um den Posten des Vorstandsvorsitzenden bei RWE ist beendet. Der Aufsichtsrat bestellte nun Jürgen Großmann mit Wirkung zum 1. Oktober 2007 zum Vorstandschef. Er folgt damit Harry Roels, der sein Amt mit Wirkung zum 30. September niederlegt.

Netzausbau Ökostrom© Gina Sanders / Fotolia.com

Essen (ddp/sm) - Roels bot dem Aufsichtsrat die vorzeitige Beendigung seiner noch bis 31. Januar 2008 laufenden Bestellung an. Großmann zeigte sich nach der RWE-Aufsichtsratssitzung zufrieden über die vorzeitige Berufung: "Ich freue mich über den nochmaligen Vertrauensbeweis des Aufsichtsrates der RWE AG", sagte er der in Essen erscheinenden "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung" (Freitagausgabe). "Die neue Aufgabe reizt mich nach wie vor und ich werde mich mit meiner ganzen Kraft für das Blühen und Gedeihen des RWE-Konzerns, und zwar für die Kunden, die Mitarbeiter und die Anteilseigner einsetzen."

Über den Führungswechsel bei RWE war bereits seit Wochen diskutiert worden. Grund ist ein Beschluss des Aufsichtsrates vom Februar. Das Kontrollorgan war damals übereingekommen, den Ende Januar 2008 auslaufenden Vertrag mit Roels nicht noch einmal zu verlängern. Zu seinem Nachfolger wurde der Stahlunternehmer Großmann bestimmt, der zum 1. November zunächst als einfaches Mitglied in den Konzernvorstand einziehen sollte.

Bereits zwei Monate später klagten erste Mitarbeiter aus verschiedenen Konzernbereichen hinter vorgehaltener Hand über ein "Machtvakuum", das entstanden sei. Schon Mitte April kursierten erste Spekulationen über einen früheren Amtsantritt von Großmann. Roels beteuerte dagegen wiederholt, dass er seinen Vertrag erfüllen wolle.

Der schnelle Rücktritt von Roels bringt nun die erhoffte Klarheit in der Führungsstruktur. "Endlich ist das Thema durch, und der Markt kann sich auf den neuen Mann einstellen", sagte ein Händler. Die Unsicherheit über die Führungsstruktur habe die Handlungsfähigkeit von RWE in den politisch bewegten Diskussionen wie über die Netzabtrennung behindert. Welche strategische Richtung Großmann genau einschlagen werde, lasse sich vor seinem Amtsantritt am 1. Oktober nicht mit Sicherheit sagen, erläuterte Analyst Chris Rogers von der US-Investmentbank J.P. Morgan. Die RWE-Aktie legte bis gegen 16.00 Uhr um 1,2 Prozent auf 86,79 Euro zu.

Einen Strategiewechsel halten die meisten Beobachter für möglich beziehungsweise für wahrscheinlich. "Es ist ziemlich sicher, dass Großmann eine aggressivere Wachstumsstrategie als sein Vorgänger fahren wird", erwartete etwa Christian Kleindienst von der italienischen Bank UniCredit. Roels habe sich mehr auf den Verkauf von Beteiligungen konzentriert. Kleindienst verwies darauf, dass Großmann nachgesagt werde, eine Erweiterung der Wertschöpfungskette auch auf den Bereich Kraftwerksbau anzustreben. Auch sei eine Ausweitung der Marktgebiete auf die attraktiven Länder Russland und Türkei sowie eine stärkere Einbindung der beiden großen Töchter Energy und Power in die RWE-Holding im Gespräch.