Drei Jahre nach Fukushima

Japan setzt weiter auf Rückkehr zur Atomkraft

Die Atomkatastrophe von Fukushima jährt sich zum dritten Mal und die japanische Regierung will weiterhin auf Atomstrom setzen. Experten gehen davon aus, dass nicht alle Kraftwerke die neuen Sicherheitsbestimmungen erfüllen werden. Auch der teure Import fossiler Brennstoffe erhöht den Druck hin zu neuen Strategien.

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Yokohama (dpa/red) - In Fujisawa hat die Zukunft begonnen. In der eine Stunde westlich von Tokio gelegenen Stadt investiert Japans größter Elektronikkonzern Panasonic auf einem alten Fabrikgelände in ein neuartiges Öko-Bauprojekt für 1.000 Haushalte. "Wir wollen den Kohlendioxidausstoß um 70 Prozent gegenüber einer Siedlung auf dem Niveau von 1990 senken", beschreibt Projektleiter Hiroyuki Morita das für japanische Verhältnisse ehrgeizige Ziel. Die Anlage soll zudem 30 Prozent weniger Wasser verbrauchen und 30 Prozent erneuerbare Energie nutzen. Die laut Panasonic gut isolierten Häuser haben Solaranlagen und Speicherbatterien. Hinzu kommt die Option einer Brennstoffzelle.

Veraltete Strukturreformen

Weltweit sind Hunderte solcher Smart Cities im Bau oder der Erprobung. Aber in nahezu allen Fällen sind das Projekte auf Zeit. Panasonic rühmt sich, als erstes Privatunternehmen ein solches Öko-Projekt in dieser Größe und auf kommerzieller Basis umzusetzen. Dies verspricht vor allem im stark wachsenden Asien ein riesiger Zukunftsmarkt zu werden. Während sich Unternehmen wie Panasonic auf solche Zukunftsprojekte konzentrieren, kämpft die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt zugleich jedoch weiterhin mit Altlasten wie der Überalterung und seit 20 Jahren verschleppten Strukturreformen.

Rückkehr zum Atomstrom

Dazu gehört auch eine umfassende Reform des Energiesektors, der nach wie vor auf Monopolisten wie Tepco, dem Betreiber des havarierten Atomkraftwerks Fukushima, und eine Rückkehr zum Atomstrom setzt. Noch am Vorabend des dritten Jahrestages der Katastrophe von Fukushima kündigte Ministerpräsident Shinzo Abe ein Wiederanfahren von Atomreaktoren an. "Ich möchte Reaktoren hochfahren, die gemäß den strikten Sicherheitsauflagen der Atomaufsicht für sicher befunden wurden und zugleich das Verständnis der lokalen Bevölkerung gewinnen", sagte Abe am Montag vor einem Parlamentsausschuss.

Gas, Öl und Kohle ersetzen Atomkraft

Hintergrund sind die in Folge der Katastrophe von Fukushima vom 11. März 2011 rasant gestiegenen Energiekosten. Nach der Havarie hatte das Land aus Sicherheits- und Wartungsgründen sämtliche Kernkraftwerke im Lande vom Netz genommen. Die Lichter gingen in der Hightech-Nation zwar deswegen nicht aus. Denn um die gewaltige Energielücke zu stopfen, importiert Japan zur Stromerzeugung seit Jahren riesige Mengen Gas, Öl und Kohle. "Die Kosten lasten jedoch schwer auf der Wirtschaft", erklärt Martin Schulz, Ökonom am Fujitsu Research Institute.

Veränderte Strategien notwendig

Als Folge der hohen Energiekosten rutschte Japans Handelsbilanz tief in die roten Zahlen. Deswegen müsse nun auch der Staat verstärkt an Zukunftsstrategien arbeiten und langfristig die Versorgung ohne die explosiven Kosten für Gas wie auch eine Abkehr von der in der Bevölkerung unbeliebten Atomenergie sicherstellen, so Schulz. Denn selbst die geplante teilweise Rückkehr zum Atomstrom werde die Energielücke nicht nachhaltig schließen können.

Nicht alle Reaktoren erfüllen Bedingungen

Experten gehen davon aus, dass nicht viel mehr als 15 der bestehenden Atomkraftwerke in Japan die neuen, erheblich verschärften Sicherheitsbedingungen erfüllen werden. Nicht nur Unternehmen wie Panasonic, sondern auch die Regierung sind daher nach Meinung von Experten jetzt zunehmend unter Druck, nicht nur die überfällige Reform des Energiesektors in Angriff zu nehmen, sondern verstärkt auf Innovation und Zukunftsmärkte wie erneuerbare Energien zu setzen.

Staatsverschuldung nimmt zu

Um ein wirklich nachhaltiges Wachstum zu erreichen, benötige Japan daher jetzt neben den einsetzenden positiven Trends noch viele innovative Projekte in Zukunftsindustrien wie erneuerbare Energien im Inland und potenzielle Exportschlager wie smart cities. Doch hier, so Schulz, habe Abe bislang weniger Erfolge vorzuweisen. Angesichts der weiter steigenden Staatsverschuldung könne von einem selbsttragenden Wachstumsmodell derzeit noch nicht die Rede sein.

Quelle: DPA