Vorübergehend

Japan erstmals seit Jahrzehnten komplett ohne Atomstrom

Erstmals seit den 1970er Jahren funktioniert das Leben in Japan ohne Atomstrom. Gut ein Jahr nach der Katastrophe von Fukushima wurde am Wochenende der letzte noch aktive Reaktor Tomari 3 im Norden des Landes zu Wartungsarbeiten heruntergefahren. Erneut demonstrierten tausende Menschen für einen kompletten Atomausstieg.

Stromzähler© Gina Sanders / Fotolia.com

Tokio (AFP/red) - Der Reaktor im Kraftwerk Tomari auf der Nordinsel Hokkaido soll für mehrere Monate zu Wartungszwecken abgeschaltet bleiben. Japan verfügt noch über 50 Reaktoren, die nunmehr alle abgeschaltet sind. Die vier zerstörten Atomreaktoren in Fukushima wurden Mitte April offiziell außer Dienst gestellt. Infolge des Erdbebens und des Tsunamis am 11. März 2011 war es in den Reaktoren zu einer Kernschmelze gekommen. Es war das schwerste Atomunglück seit Tschernobyl 1986.

Ablehnung von Atomstrom steigt

Bis zu dem Unglück bezog Japan etwa ein Drittel seines Stroms aus der Atomkraft. Infolge des Atomunglücks, durch das weite Gebiete im Umkreis radioaktiv verseucht worden waren, wächst in Japan die Ablehnung der Atomkraft. Keiner der Reaktoren, die seitdem zu Wartungsarbeiten heruntergefahren worden sind, durften bisher wieder in Betrieb gehen.

Die Regierung von Ministerpräsident Yoshihiko Noda gab im April zwar grünes Licht für die Wiederinbetriebnahme von zwei Reaktoren in Oi, doch müssen die Behörden noch die Anwohner überzeugen, dem Schritt zuzustimmen. Seit dem Unglück wurden die Regeln so verschärft, dass Atomkraftwerke nicht nur einen Stresstest der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) bestehen, sondern auch die Zustimmung der örtlichen Mandatsträger erhalten müssen.

"Die Lage bei der Stromproduktion ist ernst", sagte Atomminister Goshi Hosono. "Aber wir dürfen die Sicherheit nicht vernachlässigen." Die Parteichefin der Sozialdemokraten, Mizuho Fukushima, sagte, das Unglück von Fukushima müsse "der letzte atomare Unfall nicht nur in Japan, sondern auf der ganzen Welt" sein.

Warnung vor Engpässen im Sommer

Tausende Menschen forderten in Tokio den endgültigen Ausstieg aus der Atomkraft. "Eine neue Ära ohne Atomkraft hat in Japan begonnen", sagte der 56-jährige Mönch Gyoshu Otsu bei einer Kundgebung vor dem Industrieministerium. Der Organisator Masao Kimura sprach von einem "symbolischen Tag". "Nun können wir beweisen, dass wir auch ohne Atomstrom zu leben in der Lage sind."

Die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Europaparlament, Rebecca Harms, bezeichnete die Entwicklung in Japan als "weiteren Beleg des unaufhaltsamen Endes der Atomindustrie". Japans Gesellschaft habe erlebt, "dass das Land mit seiner energiehungrigen Industrie und seinen gigantischen Städten auch ohne Atomstrom funktioniert", erklärte Harms.

Stromkonzerne warnen indes vor Engpässen während der heißen Sommermonate. Nach Angaben von Kansai Electric Power, das die Großstädte Osaka, Kyoto und Kobe versorgt, könnte aufgrund des hohen Strombedarfs für Klimaanlagen der Bedarf das Angebot um 20 Prozent übersteigen. Bisher blieben Engpässe indes aus. Der verstärkte Einsatz von Kohle, Gas und Erdöl zur Stromproduktion erhöht den Kohlendioxidausstoß und die Abhängigkeit des ressourcenarmen Landes von der Einfuhr von Kraftstoffen. Für die Verbraucher steigen die Preise, zudem sind sie angehalten, ihren Verbrauch zu drosseln.

Quelle: AFP