Widersprüche

Ist die Stromversorgung in Deutschland gesichert? (Upd.)

Während der Kältewelle der vergangenen Wochen gab es zum Teil recht widersprüchliche Schlagzeilen: Einmal hieß es, Deutschland sei weiterhin in der Lage, Strom zu exportieren, dann wieder, Reservekraftwerke müssten angeworfen werden. Die Schwierigkeiten liegen dabei in mehreren Bereichen. Auch profitorientierte Energiehändler könnten mit verantwortlich sein.

Netzausbau© Günter Menzl / Fotolia.com

Stuttgart (dapd/red) - Das deutsche Kohlekraftwerk in Mannheim wurde angefahren und auch mehrere Gaskraftwerke in Österreich. Gleichzeitig half Deutschland den französischen Nachbarn mit Strom aus und deutscher Windstrom belastet die Netze in Polen und Tschechien. Wie passt das zusammen?

Netzinfrastruktur könnte besser sein

Einige Probleme liegen in der schwankenden Verfügbarkeit von erneuerbaren Energien wie Wind- und Solarstrom und in den veralteten und ungenügenden Netzkapazitäten. An Tagen, an denen viel Windstrom produziert wird, ist es möglich, dass sogar die Stromnetze der Nachbarländer belastet werden, während an trüben Tagen ohne Wind auf Reserven zurückgegriffen werden muss. Zudem spielen die Infrastruktur und die Versorgungswege eine Rolle: Wenn nicht genügend Kraftwerke vorhanden sind oder die Netze nicht genügend Strom dorthin transportieren können, wo er gebraucht wird, ist es günstiger, näher liegende Kraftwerke aus dem Ausland einzuschalten.

Stromproduktion schwankt ständig

Tatsächlich exportierte Deutschland trotz der aktuellen Probleme auch am Mittwoch, als die Reserven in Aktion waren, Strom nach Frankreich, wie ein Sprecher des Netzbetreibers Amprion sagte. Vor allem in den Mittagsstunden, wenn die Solaranlagen 6.000 bis 7.000 Megawatt Leistung liefern, helfe der Strom aus Deutschland dem Nachbarland, seinen Strombedarf zu decken. Dies ändere aber nichts daran, dass am Abend mit dem Wegfall der Sonnenenergie der Rückgriff auf die Reservekapazitäten nötig werden könne.

Eingeschränkte Gaslieferungen aus Russland

Die frostigen Temperaturen führen zu erhöhtem Strom- und auch Gasbedarf. Bei letzterem gibt es tatsächlich Engpässe, denn die russische Gazprom hat die Lieferungen zeitweise eingeschränkt und ist bisher aufgrund des eigenen gestiegenen Bedarfs nicht dazu bereit, mehr zu liefern. Als Konsequenz daraus wurden mehrere Gaskraftwerke abgeschaltet, deren Kapazitäten auch für die Stromversorgung wegfielen.

Kurth: "Die deutsche Stromversorgung ist gesichert"

Ökostrombefürworter, Kanzlerin und Bundesnetzagentur bemühen sich, Sorgen vor einem Black-out zu zerstreuen. Es gebe keinen Grund zur Panik. Die Kraftwerke seien schließlich genau für den Einsatz in derartigen Situationen reserviert worden, betonte ein Sprecher der Netzagentur. Der Nachrichtensender n-tv zitierte den Präsidenten der Netzbehörde, Matthias Kurth, mit dem Satz: "Die deutsche Stromversorgung ist gesichert."

Die Herausforderung bleibt dennoch bestehen. Es wird nötig sein, die Infrastruktur weiter auszubauen und eine Möglichkeit zu schaffen, erneuerbare Energien sinnvoll zu speichern. Für der Atomausstieg wird es wohl aber auch unerlässlich sein, zusätzliche Erzeugungskapazitäten in Form von fossilen Kraftwerken bereitzustellen, die die AKW ersetzen, die in Zukunft noch wegfallen sollen.

Upd.: Energiehändler zocken um den Strom

Anscheinend war das Stromnetz in den letzten Tagen kurz vor dem Zusammenbruch, aber ein ganz anderer Grund als die bisher diskutierten soll dafür verantwortlich sein, dass es so weit gekommen ist. Wie ein Sprecher der Bundesnetzagentur gegenüber Spiegel online bestätigte, gibt es ein Schreiben der Regulierungsbehörde, das diese an die Händler verschickt hat.

Offenbar hatten diese bewusst weniger Strom eingekauft, als benötigt hätten, weil dieser ihnen zu teuer war. Zusätzlich sollen sie falsche, zu niedrig angesetzte Prognosen über den geplanten Strombedarf abgegeben haben, um nicht zu einem Zeitpunkt kaufen zu müssen, zu dem der Strom besonders teuer war. Der Strom, der dadurch für die Versorgung fehlte, wurde aus der Regelleistung bezogen, also aus der "eisernen Reserve". Es soll sich um Mengen von mehreren Tausend Megawatt gehandelt haben. Die Netzagentur prüfe die "außergewöhnliche Situation" und ob die Händler tatsächlich aus Profitgier so gehandelt haben.