Berauscht

Investoren entdecken die Geothermie in Bayern

"Echte Goldgräberstimmung" herrsche in Bayern, offenbar kommt die Geothermie in Bayern in ihre heiße Phase. Rund 100 Geothermie-Felder sollen sich über Bayern erstrecken, die meisten davon seien auch zur Stromerzeugung geeignet, heißt es.

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München/Nürnberg (ddp/sm) - Erst haben sie taktiert, doch jetzt wagen sich die Investoren offenbar hervor: Sie hatten erst einmal abgewartet, ob das deutsche Pilotprojekt zur Stromgewinnung mit Erdwärme in Unterhaching ein Erfolg wird. Vor wenigen Wochen stieg tatsächlich Dampf aus dem Bohrloch an der Autobahn 8 zwischen München und dem Brunnthaldreieck auf - und damit scheint auch die heiße Phase für die Geothermie in Bayern eingeläutet.

Rund 100 Geothermie-Felder verteilen sich nach Angaben des bayerischen Umweltamts über ganz Bayern. Die meisten davon seien auch für die Stromerzeugung geeignet, behauptet der Unterhachinger Projektleiter Christian Schönwiesner-Bozkurt vom Nürnberger Planungsbüro Rödl und Partner. Er vermittelt den Eindruck, als habe jetzt eine Art Geothermie-Monopoly begonnen: Kapitalkräftige Privatleute und Firmen, Fondsgesellschaften und Energieversorger besetzen ihm zufolge derzeit die Felder mit den besten Ertragsaussichten.

Schönwiesner-Bozkurt erwartet ein Investitionsvolumen von 3,5 Milliarden Euro in den kommenden Jahren. Nach Informationen des bayerischen Wirtschaftsministeriums sind derzeit für ein halbes Dutzend Projekte konkrete Verhandlungen im Gange, die direkt auf den Erfolg in Unterhaching zurück zu führen sind - und laufend kämen neue hinzu. "Die Investoren sehen jetzt: es ist möglich", heißt es im Ministerium. Schönwiesner-Bozkurt weiß von Aktivitäten in Waldkraiburg, Holzkirchen, Traunreut und Herrsching.

Wie ein Mahnmal für die Energiewende ragte noch vor kurzem ein 55 Meter hoher Bohrturm über den Münchner Süden. Dann der Durchbruch, 3500 Meter unter der Erdoberfläche: 125 Grad warmes Wasser - damit sei zu rechnen gewesen, sagt Thomas Fritzer, Geologe im bayerischen Umweltamt. Aber eine Schüttungsmenge von etwa 300 Litern pro Sekunde sei "mit Sicherheit eine Überraschung". Die Menge Wasser, die pro Sekunde aus dem Bohrloch gefördert werden kann, ist schließlich entscheidend für die Stromgenerierung.

"Wir sind die ersten, die wirklich hohe Schüttungen angestrebt haben", erklärt Unterhachings Bürgermeister Erwin Knapek die Pionierleistung in seiner Gemeinde. Thomas Fritzer jedoch blieb lange skeptisch - man könne eben keine Wahrscheinlichkeiten dafür berechnen, erklärt der Geologe. Knapek versichert jedoch, er habe stets so ein Schüttungsergebnis erwartet: Umfangreiche seismologische Untersuchungen hätten dies vermuten lassen. Und da er selbst aus der Forschung komme, habe er nie daran gezweifelt, sagt der studierte Physiker stolz. Im Wirtschaftsministerium habe man ihn hingegen für verrückt erklärt.

"Unterhaching war der absolute Durchbruch für die Geothermie in Deutschland und weit darüber hinaus", frohlockt Schönwiesner-Bozkurt. Nach seinen Angaben sind Interessenten aus Südamerika, Korea und China in den Münchener Vorort gereist. Auch eine Delegation aus Afrika war schon da. Doch der Projektleiter warnt: "Es herrscht momentan echte Goldgräberstimmung, aber wenig Professionalität." Die wirtschaftliche Seite braucht viel Vorbereitung: 50 Millionen Euro kostet das Unterhachinger Projekt, den Großteil musste die Gemeinde mit Krediten stemmen. Da es für die Bohrungen keine Garantie gebe, sollten zum Beispiel Risikofündigkeitsversicherungen abgeschlossen werden, empfiehlt Schönwiesner-Bozkurt.

Auch Geologe Fritzer will nicht in der Euphoriequelle baden und weist auf aktuelle Probleme hin: Alle Welt suche offenbar nach Öl, die Bohranlagen seien schwer zu bekommen, die Ausrüstung sei so teuer wie nie zuvor, beklagt er. Hinzu komme die Stahlknappheit, die das Unterhachinger Projekt nach Knapeks Worten "richtig heftig" getroffen hat. Verzögerungen habe es aber nicht nur durch Stahllieferungen gegeben, sondern auch durch bürokratische Hürden: Neun Monate habe allein die Zertifizierung der Bohranlage gedauert, schimpft der Bürgermeister.

Im August soll der erste Strom ins Netz eingespeist werden. Laut Knapek wäre die Menge ausreichend, um die 11 000 Privathaushalte der Gemeinde zu versorgen. Aus wirtschaftlichen Gründen werde der Strom aber an E.ON verkauft. Direkt angeschlossen werden die Häuser aber an die Wärmeversorgung, die in den nächsten Wochen starten soll. So geht der Traum von der Energieautarkie zumindest teilweise in Erfüllung.