Archäologie

Hüttendorf von Atomkraftgegnern wird ausgegraben

Im Jahr 1980 haben Atomkraftgegner bei Gorleben das Hüttendorf "Republik freies Wendland" gebaut. Nach gut einem Monat wurde es von der Polizei geräumt. Jetzt will ein Archäologe die Überreste ausgraben.

Atomkraftgegner© Thorsten Katz / Fotolia.com

Trebel – Wo einst die "Republik Freies Wendland" stand, wächst heute Heidekraut. Drumherum ist dichter Kiefernwald, nur eine kleine Senke verrät, wo 1980 das Bohrloch 1004 war. Die gewaltige Lichtung zwei Kilometer südlich der seit Jahrzehnten umstrittenen Anlagen von Gorleben ganz im Nordosten Niedersachsens ist nicht einfach zu finden. "Vom Gefühl her könnte das hier so gewesen sein", sagt Gabi Haas, die 67-Jährige ist Atomkraftgegnerin der ersten Stunde. "Ich war vom ersten bis zum letzten Tag dabei", sagt sie über die Ereignisse von 1980. "Das ist Teil meiner Identität."

Gorleben als Symbol

Lange war Gorleben die einzige Option zur dauerhaften Lagerung von hoch radioaktivem Atommüll. Am 22. Februar 1977 hatte der damalige niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) den Salzstock als mögliches Endlager vorgeschlagen. Ein ganzes nukleares Entsorgungszentrum sollte an der damaligen innerdeutschen Grenze entstehen. Viele Lokalpolitiker in Lüchow-Dannenberg waren damals für das Projekt, dem strukturschwachen "Zonenrandgebiet" winkten Jobs und eine sprudelnde Steuerquelle.

Doch die Pläne stießen auf den erbitterten Widerstand von Atomkraftgegnern - bis heute ist Gorleben der Symbolort der Anti-Atom-Bewegung. Noch im Frühjahr 1977 gibt es eine erste große Demonstration bei Gorleben, am 3. Mai 1980 rufen sie ihre Republik aus - "Atomkraft? Nein danke".

Sauna, Solarstrom und Kultur

"Bei der Besetzung waren wir rund tausend, niemand weiß es mehr so genau", erinnert sich Gabi Haas fast 37 Jahre später. "Wir hatten ein Frauenhaus, einen Friseur, eine Gemeinschaftsküche, eine Krankenstation, eine Sauna, eine Mülldeponie und eine Passstelle." Bioprodukte habe es im Dorf gegeben, Strom nur aus Solarzellen und Windenergie. "Außerdem hatten wir ein reichhaltiges kulturelles Programm mit Musik und Dichterlesungen, auch Wolf Biermann war da", sagt sie. "Es gab ganz biedere Besucher, die haben sich das am Wochenende angeschaut." Auch der spätere SPD-Bundeskanzler Gerhard Schröder als Juso-Vorsitzender kam.

Archäologe will Überreste ausgraben

Attila Dézsi hat keine Schwierigkeiten, vom Waldweg das Bohrloch und die Lichtung zu finden. Der 28-Jährige ist Archäologe, das hier soll seine Doktorarbeit werden, er hat dafür ein Stipendium der Uni Hamburg für zwei Jahre bekommen. "Es ist ein wichtiger Ort der Demokratie-Geschichte der Bundesrepublik", sagt er, bedeutsam auch für die Wende in der Energiepolitik. "Das ist kulturelles Erbe der Menschen", sagt Dézsi, der erst acht Jahre nach 1980 zur Welt kam. "Er könnte mein Sohn sein", sagt Gabi Haas. Es sei ein merkwürdiges Gefühl, von archäologischem Interesses zu sein, sagt die 67-Jährige.

"Bis zu 120 Hütten haben hier gestanden", sagt Dézsi. Eine Fläche von sechs Fußballfeldern muss untersucht werden - nur einige kleine Hügel zeigen, wo sich etwas im Boden verbergen könnte. "Ich hoffe, Spuren der Hütten und der Zerstörung bei der Räumung zu finden - auch Kleinfunde des Alltags, die einen Einblick in die Lebenswelt der 33 Tage geben", sagt der junge Wissenschaftler mit der ruhigen Stimme.

Räumung nach 33 Tagen

33 Tage - dann kam das Ende für die "Republik Freies Wendland". Mehrere tausend Polizisten und Bundesgrenzschutzbeamte räumten am 4. Juni 1980 das Dorf, die Bagger und Planierraupen rollen. "Bei der Räumung waren wir etwa zweitausend Menschen", sagt Gabi Haas. Es war einer der größten Polizeieinsätze der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte - später kamen noch größere, wenn die Castor-Transporte mit ihrer strahlenden Fracht ins Zwischenlager Gorleben rollten.

Die Räumung von 1980 war nicht das Aus für den Widerstand. "Viele von uns sind noch heute dabei", berichtet Haas. Sie seien damals ins Wendland gezogen und geblieben. "Sie haben den Landkreis mitgeprägt." Die Hamburgerin hat mit ihrer Familie dort einen Zweitwohnsitz. "Damals herrschte Euphorie - es ging um die Sache, war aber auch ein großes Abenteuer", so Haas. Spielregeln für Aktionen seien entwickelt worden. "Das Entscheidende war die politische Konsensbildung."

Ausgrabungen sollen im Herbst beginnen

Im nur 15 Autominuten entfernten Lüchow hat die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg (BI) ihr Büro, dort ist auch das Gorleben Archiv, Gabi Haas ist seine Vorsitzende und Mitglied der BI. Es gibt eine Bibliothek, mehr als 60.000 Fotos und Dias. "Wir haben mehr als 500 Gorleben-Plakate, das erste ist von 1977", sagt Leiterin Birgit Huneke. Dazu kommen Unmengen von Flugblättern, Postkarten, Flyern und anderen Dokumenten. Dézsi ist oft hier, im Frühherbst sollen die Ausgrabungen beginnen. "Transparente, selbstgezimmerte Möbel und die Reste der Gemeinschaftsküche könnten ausgegraben werden", meint Haas. Dézsi ist gespannt. "Ich habe anhand von Fotos nach Materialien geschaut. Man weiß nie was man findet."

Der jahrelange Protest im Wendland ist nicht ohne Erfolg geblieben. Nach rund 35 Jahren Konzentration auf Gorleben hat der Bundestag im Juni 2013 den Neuanfang bei der Suche nach einem geeigneten Atommüll-Endlager beschlossen, das Auswahlverfahren soll 2031 abgeschlossen sein. Seitdem wird von einer "weißen Landkarte" gesprochen, Gorleben ist also noch im Topf, aber offiziell nicht mehr im Fokus - die Protest-Veteranen bleiben misstrauisch.

Quelle: DPA