Reaktionen

Hochstufung von Fukushima-Unfall "längst überfällig" (Upd.)

Das Reaktorunglück in Japan wurde jetzt von der Atomaufsichtsbehörde in Tokio auf die international höchste Gefahrenstufe 7 heraufgesetzt. Bislang hatte nur der GAU in Tschernobyl diese Einstufung erfahren. Internationale Experten kritisierten die japanische Regierung und nannten die Hochstufung "längst überfällig".

Stromtarife© Andre Bonn / Fotolia.com

Tokio/Berlin/Paris/Hamburg (dapd/red) - Weiterhin sorgen schwere Nachbeben für Angst in der Bevölkerung. Das bislang letzte Nachbeben, das auch in der Hauptstadt Tokio zu spüren war, hatte den Wert 6,4 auf der Richter-Skala erreicht.

In der Nacht zu Dienstag hatte die japanische Regierung die Gefahrenstufe in Fukushima von 5 auf 7 erhöht. Damit gilt das durch den Tsunami vor einem Monat ausgelöste Unglück als "katastrophaler Unfall". Derart war bislang nur der Super-GAU in Tschernobyl 1986 eingestuft worden.

"Längst überfällig." - Viel mehr Worte brauchen internationale Experten nicht, um die INES-Hochstufung der Atomkatastrophe in Fukushima zu kommentieren. "Wenn die japanische Atombehörde Fukushima jetzt als 'katastrophalen Unfall' einstuft, zeigt das, sie gibt zu, dass sie es in den letzten Wochen heruntergespielt hat", sagte Mycle Schneider, international tätiger Berater für Energie und Atompolitik, der Nachrichtenagentur dapd. "Bislang haben sich Regierung und Betreibergesellschaft geweigert, den Vorfall als Katastrophe zu bezeichnen."

Auch der britische Atomexperte Shaun Burnie hält die Hochstufung für bedeutsam: "Endlich räumen sie ein, wie ernst die Lage ist." Tatsächlich sei es wohl die Angst vor der "psychologischen Schwelle" gewesen, die die Behörden von diesem Schritt abgehalten hätte: "Erklären Sie mal Ihrem Volk, dem Sie vierzig Jahre lang gesagt haben, dass die Anlagen sicher sind, dass in Fukushima etwas passiert ist, was auf einer Stufe mit Tschernobyl steht", sagte Burnie, der mehrfach als Berater auch in Japan tätig war.

Hohe radioaktive Belastung längst bekannt

Besonders relevant sei, dass die japanische Atomaufsicht NISA bei der Einstufung gleich eine Ebene übersprungen hat, als sie Fukushima von Stufe 5 - Ernster Unfall - direkt auf 7 - katastrophaler Unfall - heraufsetzte. "Das ist ein ungewöhnlicher Vorgang", sagte Schneider. "Besonders, weil doch, als die Stufe 5 am 18. März festgelegt wurde, ein Großteil der Radioaktivität schon entwichen war." De facto sei also in Fukushima weitaus mehr Radioaktivität freigeworden als bislang zugegeben.

Behörden und Experten hatten schon seit Wochen gefordert, das Unglück von Fukushima hochzustufen. Schon nach den Explosionen in Block 2 und 4 am 15. März hatte das US-amerikanische Institute for Science and International Security (ISIS) eine 6 verlangt. Das französische Institut de Radioprotection et de Sûreté Nucléaire (IRSN) und die österreichische Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) berechneten, wie viel Radioaktivität frei geworden sein musste. Sie verglichen mehrfach die freigesetzte Strahlenmenge mit der von Tschernobyl: Schon am 22. März veröffentlichte das ISIS seine Berechnung, dass in Fukushima bereits zehn Prozent der Tschernobyl-Dosis entwichen sind.

Strahlenbelastung kann Tschernobyl noch übersteigen

Die Angabe "zehn Prozent der Dosis von Tschernobyl" ist nun auch offiziell von japanischer Seite gemacht worden. Der Sprecher der Betreibergesellschaft Tepco, Junichi Matsumoto, erklärte sogar, dass letztlich mehr Radioaktivität in die Umwelt gelangen könnte als in Tschernobyl, wenn weiterhin Strahlung freigesetzt wird. Das sind ungewohnt offene Worte, gemessen an der bislang so zögerlichen, widersprüchlichen Kommunikation von Tepco.

"Der Vergleich mit Tschernobyl ist jetzt offiziell gemacht, das ist gut, weil damit die Verhältnisse endlich klar benannt wurden", erklärte Experte Burnie. Doch nun müssten in Fukushima Taten folgen. "Jetzt muss auch der Schutz der Bevölkerung dem angepasst werden, das heißt vor allem, die Evakuierungen müssen ausgeweitet werden."

"Jetzt ist es eines wichtig: Messen, messen, messen", forderte Berater Schneider. "Es wird bislang einfach nicht genug gemessen, um die Strahlenbelastung realistisch einschätzen zu können. Im Boden und im Wasser, in der Luft und in den Lebensmitteln."