Gespräche

Großindustrie soll Strom offenbar billiger bekommen

Vor dem Hintergrund stark gestiegener Strompreise führen Vertreter der Energiebranche nach einem Bericht des Magazins "Wirtschaftswoche" angeblich Geheimverhandlungen über günstigere Konditionen für ausgewählte Industriegroßkunden.

Stromnetz Ausbau© Gina Sanders / Fotolia.com

Düsseldorf (ddp/sm) - Wie die "Wirtschaftswoche" in Düsseldorf berichtete, trafen sich Vertreter der Energieriesen RWE, E.ON Energie und Vattenfall Europe beim Verband der Elektrizitätswirtschaft (VDEW) in Berlin mit den Chefs der Unternehmen Hamburger Aluminium-Werk (HAW), Hydro Aluminium und Corus Aluminium. Die Runde verhandelte dem Bericht zufolge über neue Bezugsverträge, die energieintensiven Betrieben das Überleben in Deutschland sichern sollen. Als Vorbild gelten Verträge, die RWE-Vorstandsvorsitzender Harry Roels bereits mit anderen Großkunden abschließen lassen hat.

Mitte Oktober soll nach "Wirtschaftswoche"-Angaben in einem zweiten Treffen eine Einigung erzielt werden. Eckpunkte stünden bereits fest. Angestrebt seien danach befristete Sonderregeln, wie sie etwa in Spanien, Italien und Frankreich gelten. Energieintensive Unternehmen, deren Stromrechnung oft 40 Prozent der Gesamtkosten ausmacht, sollen bis zur Hälfte weniger zahlen und so im Land gehalten werden. Dabei gehe es den Stromversorgern weniger um die Arbeitsplätze, sondern um die Auslastung ihrer Kraftwerke.

Vor allem für das HAW ist das Entgegenkommen von größter Bedeutung. Erst im Juni musste HAW-Geschäftsführer Hajek seinen 550 Mitarbeitern verkünden, dass das Werk geschlossen werde, weil es aufgrund der hohen Strompreise nicht mehr wettbewerbsfähig sei. Fest steht bereits, dass die Werke einen neuen Gesellschafter erhalten. Um die Übernahme beworben haben sich das Stahlwerk Georgsmarienhütte und der Essener Alu-Hersteller Trimet, der für sich bereits mit RWE einen neuen Stromliefervertrag geschlossen hat. "Es besteht die Chance, dass unser Werk bestehen bleibt", zitiert das Blatt den HAW-Chef.

Gestern erklärte Eberhard Meller, Hauptgeschäftsführer des VDEW zu den Strompreisen für die Industrie: "Der Wettbewerb im Strommarkt sorgt bei mittelständischen Betrieben weiterhin für günstige Strompreise. Die Stromrechnung der Betriebe liegt 2005 im Mittel trotz steigender Brennstoffkosten und staatlicher Belastungen immer noch zehn Prozent niedriger als 1998 zu Beginn des Wettbewerbs." Die Teuerungsrate für gewerbliche Güter habe gleichzeitig fast 13 Prozent betragen.

Dazu habe die Liberalisierung des Strommarkts 1998 für kleine und mittlere Unternehmen zu Beginn Preisnachlässe bis zu rund 40 Prozent gebracht."Gleichzeitig hat die Politik allerdings den Staatsanteil an der Stromrechnung massiv erhöht", erläuterte Meller. Außerdem wirkten ab 2001 steigende Brennstoffkosten preistreibend.

Diesen Aussagen trat Martin Kneer, Hauptgeschäftsführer der WirtschaftsVereinigung Metalle (WVM), entgegen. Die Aussage "Strom für Industriebetriebe weiterhin günstig" sei eine Provokation für Unternehmen und Mitarbeiter in stromintensiven Branchen, deren Arbeitsplätze aufgrund der hohen Strompreise derzeit akut gefährdet seien.

Die Großhandelsstrompreise hätten sich seit 2003 um mehr als 50 Prozent erhöht, so Kneer. Stromintensive Metallproduzenten und -verarbeiter könnten diese Mehrkosten weder auf dem heimischen noch auf dem Weltmarkt weitergeben. Für die stromintensive Industrie hätte dieser Großhandelspreis den bei weitem größten Anteil an den Gesamtstromkosten, gefolgt von den Netzentgelten und den staatlichen Belastungen des Stroms.

Nach Angaben der WVM hättes sich allein seit Beginn dieses Jahres der Großhandelsstrompreis um etwa 30 Prozent erhöht. Preistreiber sei der Handel mit CO2-Zertifikaten. Die deutschen Stromerzeuger profitierten nach der kostenlosen staatlichen Zuteilung der Zertifikate von Windfall Profits in dreistelliger Millionen-Euro-Höhe. Die jetzt von den Stromversorgern angekündigten weiteren Preiserhöhungen müssen nach Ansicht des WVM-Hauptgeschäftsführers intensiv von den zuständigen Landes- und Bundesbehörden geprüft werden.

Weiterführende Links