Berechnung

Greenpeace: Atommüllmenge würde sich verdreifachen

Selbst eine so genannte moderate Laufzeitverlängerung von 10 Jahren könnte dazu führen, dass der letzte Atommeiler erst im Jahre 2053 abgeschaltet würde. Laut einer Berechnung von Greenpeace würde sich die Atommüllmenge im Vergleich zum rot-grünen Ausstiegsszenario bis dahin verdreifacht haben.

Strompreise© Gina Sanders / Fotolia.com

Hamburg (afp/red) - Eine Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke um zehn bis 15 Jahre könnte in Verbindung mit verschärften Sicherheitsstandards zu einem weitaus späteren Ausstieg aus der Atomenergie führen. Das teilte die Umweltschutzorganisation Greenpeace am Freitag in Hamburg mit. "Zehn oder 15 Jahre Laufzeitverlängerung - das klingt harmlos, ist es aber nicht", erklärte deren Atomexperte Tobias Riedl. Grund sei, dass bei schärferen Vorschriften ältere Reaktoren stillgelegt und deren Reststrommengen auf andere verteilt werden könnten.

Nach der von Greenpeace angestellten Berechnung könnte dies dazu führen, dass bei einer Laufzeitverlängerung um zehn Jahre das letzte Atomkraftwerk erst 2053 vom Netz geht - und damit nicht zehn, sondern etwa 30 Jahre nach dem im Atomausstieg von 2002 vereinbarten Zeitpunkt. In dem damaligen Vertragswerk war kein fester Zeitplan vereinbart worden, sondern die verbleibende Laufzeit wurde an Reststrommengen geknüpft, die jeder Reaktor noch erzeugen darf. Wird eine Anlage eher abgeschaltet, können die Betreiber die unverbrauchte Reststrommenge auf andere Meiler übertragen, wodurch sich deren Betriebsdauer verlängert.

Greenpeace geht davon aus, dass die von der Bundesregierung geplanten höheren Sicherheitsstandards zur vorzeitigen Stilllegung der sieben ältesten deutschen Reaktoren sowie des als "Pannenmeiler" berüchtigten Kraftwerks Krümmel in Schleswig-Holstein führen könnten. Die Kosten für die Nachrüstung mit einer stärkeren Schutzhülle gegen Flugzeugabstürze seien bei diesen so hoch, dass es den Weiterbetrieb für die Betreiber unrentabel mache. Diese könnten die Reststrommengen dieser acht Meiler dann auf die restlichen zehn deutschen Atomkraftwerke übertragen.

Bei einer Laufzeitverlängerung von zehn Jahren wird sich nach Berechnungen von Greenpeace auch die Atommüllmenge um zwei Drittel vergrößern. Statt den nach der ursprünglichen Atomausstiegsregelung noch anfallenden 2000 Tonnen hochradioaktiven Abfalls seien es dann 6000 Tonnen. Das entspreche in etwa 650 Castor-Transporten.

Die schwarz-gelbe Bundesregierung will im Rahmen ihres umfassenden Energiekonzepts die Betriebsdauer deutscher Atomkraftwerke über die im Atomausstieg unter Rot-Grün vereinbarten Fristen hinaus verlängern. Am Sonntag will Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit den zuständigen Ministern ihres Kabinetts und den Partei- und Fraktionsspitzen über den Kurs in der Atompolitik beraten. Besonders das Ausmaß der Laufzeitverlängerung ist noch strittig. Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) und Umweltminister Röttgen hatten aus einem Gutachten zu Energieszenarien unterschiedliche Schlussfolgerungen gezogen: Während Brüderle eher für eine Laufzeitverlängerung von bis zu 20 Jahren plädierte, ließ Röttgen seine Präferenz für deutlich kürzere Laufzeiten um die zehn Jahre erkennen.