Umstrittene Standort-Wahl

Gorleben: Geologie spielte offenbar fast keine Rolle

Die Debatte über die Auswahl des Standorts Gorleben als Atommülllager hat durch einen Bericht über das Auswahlverfahren neue Nahrung erhalten. Geologische Aspekte hätten dabei fast keine Rolle gespielt, berichtete die "Tageszeitung" unter Berufung auf damalige Kabinettsprotokolle der niedersächsischen Landesregierung und andere Schriftwechsel.

Netzausbau Ökostrom© Gina Sanders / Fotolia.com

Gorleben (ddp/red) - Die Zeitung berichtet, dass die damalige Landesregierung unter Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) Gorleben vor allem wegen der Nähe zur damaligen DDR, der hohen Arbeitslosigkeit im Wendland oder einer nicht bebauten Fläche über dem Salzstock favorisiert habe. Die Bundesregierung soll dagegen dem Bericht zufolge vor einem nuklearen Entsorgungszentrum in Grenznähe gewarnt haben.

Nur 32 von 266 erreichbaren Punkten, die für die Standortentscheidung aufgezählt wurden, seien auf die Geologie des Salzstocks entfallen, berichtet die in Berlin erscheinende "Tageszeitung" am Montag.

Bundesregierung fürchtete Schwierigkeiten mit DDR

Dem Zeitungsbericht zufolge setzte Niedersachsen damals die Benennung von Gorleben damals gegen den ausdrücklichen Willen der Bundesregierung unter Kanzler Helmut Schmidt (SPD) durch. Der Bund habe "Schwierigkeiten für die Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der DDR" sowie Geldforderungen der DDR gefürchtet. Hinzu seien Bedenken gegen eine grenznahe Wiederaufarbeitungsanlage gekommen, mit der atomwaffentaugliches Plutonium erzeugt werden konnte.

Die Einwände der Bundesregierung überzeugten Albrecht damals offenbar nicht. Nach Angaben des emeritierten Geologie-Professor Gerd Lüttig, der in den 1970er Jahren mit der Suche nach Salzstöcken für ein Endlager beauftragt war, war Gorleben für den niedersächsischen Ministerpräsidenten gerade wegen dessen Grenznähe interessant. "Er wollte einen Standort in der Nähe der damaligen Zonengrenze haben, weil die Ostzonalen, wie er immer sagte, uns die Geschichte mit ihrem Endlager Morsleben eingebrockt hatten", sagte Lüttig im vergangenen Jahr der Nachrichtenagentur ddp.