Uneinigkeit

Gorleben: Experten untersuchen verschobene Geburtenquote

Die Landesregierung in Hannover will die Ursachen des verschobenen Geschlechterverhältnisses bei Geburten in der Region um Gorleben klären lassen. Eine Expertengruppe aus Reproduktionsmedizinern, Soziologen und Epidemiologen werde sich im Landesgesundheitsamt mit der Verschiebung zu Ungunsten der Mädchen befassen.

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Hannover/Gorleben (dapd/red) - Das sagte der Sprecher des Sozialministeriums am Mittwoch. Dies könne zu einer Studie zu den Gründen führen.

Ursachen für verschobene Geburtenquote

Seit Einlagerung erster Castor-Behälter im Zwischenlager werden in der Region um Gorleben auf je 100 Mädchen 109 Jungen geboren. Das Verhältnis von Mädchen und Jungen bei Geburten sei nicht stabil und werde von vielen Faktoren beeinflusst, sagte der Umweltmediziner Roland Suchenwirth vom Landesgesundheitsamt. Neben Strahlungen könne auch kollektiver Stress, hormonähnliche Stoffe oder das Rauchen von Eltern das Geschlechterverhältnis bei Neugeborenen ändern. "Es ist zu kurz gegriffen, von diesen Einflussfaktoren nur Strahlung in Betracht zu ziehen", sagte er.

Demgegenüber bekräftigte der Biostatistiker Scherb vom Helmholtz Zentrum München seine Auffassung, dass das veränderte Geschlechterverhältnis auf Radioaktivität zurückgehe. "Nach Beginn der Castor-Einlagerung hat sich das Geschlechterverhältnis bei Geburten um acht Prozent zuungunsten der Mädchen verschoben", sagte er der dapd. Er sei "sehr sicher, dass ein kausaler Zusammenhang zwischen der Strahlung und dem veränderten Geschlechterverhältnis besteht".

Die Forscher sind sich uneins

Veränderungen des Geschlechterverhältnisses bei Geburten habe er auch für die Umgebung anderer deutsche Atomanlagen und für ganz Europa nach der Tschernobyl-Katastrophe festgestellt, sagte Scherb weiter. Allerdings seien diese Veränderungen weitaus geringer und bewegten sich im Promillebereich. "Der Gorleben-Effekt stellt das alles in den Schatten", sagte er.

Weibliche Embryonen reagierten empfindlicher als männliche auf bestimmte Schädigungen des Erbguts, erläuterte Scherb. Veränderungen am X-Chromosom, das von Vätern auf Töchter vererbt werde, könnten bei den ersten Zellteilungen Probleme verursachen und dazu führen, dass weibliche Embryonen häufiger abgestoßen würden. Gänzlich sei der Mechanismus aber noch nicht geklärt.