Drohung

Gasprom will Gaslieferungen nach Europa eventuell reduzieren

Dass die einseitige Abhängigkeit von russischem Gas der EU irgendwann Schwierigkeiten bringen würde, war abzusehen. Mit welcher Deutlichkeit Gasprom jetzt aber seine Drohungen aussprach, überrascht doch etwas - zumal Russlands Präsident Putin immer wieder versicherte, man werde "verlässlich" bleiben.

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London (red) - Einem Bericht der "Financial Times" zufolge, geht der russische Erdgasproduzent Gasprom auf Konfrontationskurs zur Europäischen Union und droht mit einer Senkung der Gaslieferungen, falls seine Interessen nicht ausreichend berücksichtigt würden. Nach einem Treffen von Gasprom-Chef Alexei Miller mit den Botschaftern der 25 EU-Mitgliedsländer, das offensichtlich nicht ganz zur Zufriedenheit des Monopolisten verlaufen war, deutete der Konzern an, sich im Falle von Versuchen, Gasproms Aktivitäten in Europa zu beschränken, sich auch auf den nordamerikanischen oder chinesischen Markt konzentrieren zu können.

Damit wehren sich die Russen verschiedenen weiteren Medienberichten zufolge offensichtlich gegen Pläne der britischen Regierung, die eine mögliche Übernahme ihres Gasunternehmens Centrica durch Gasprom verhindern sollen. Nach Bekanntwerden des Vorhabens hatte London - ähnlich wie Madrid im Fall E.ON/Endesa - erwogen, den Ministern ein Vetorecht bei derartigen Zusammenschlüssen einzuräumen. Generell sieht Europa eine Ausbreitung von Gasprom eher kritisch, das schon jetzt - monopolartig - gut ein Viertel des westeuropäischen und 35 Prozent des deutschen Gasbedarfs von den Russen gedeckt werden.

"Wenn die Europäische Union unser Gas will, muss sie unsere Interessen berücksichtigen", formulierte ein Gasprom-Sprecher ganz offen gegenüber der Financial Times und bestätigte damit alte Befürchtungen, dass die Abhängigkeit von Öl oder Gas die EU irgendwann in Schwierigkeiten bringen wird. Während Österreichs Wirtschaftsminister Martin Bartenstein daraufhin vorschlug, alternative Pipeline-Projekte etwa mit dem Iran voranzutreiben, versucht die EU seit Jahren die Abhängigkeit von Öl und Gas mit dem Ausbau regenerativer Energien zu verringern. Wirtschaftsminister Michael Glos indes wollte die Gasprom-Äußerungen nicht überbewerten: "Ich gehe davon aus, dass die russische Seite kein Interesse haben kann, die langfristigen Verträge nicht einzuhalten", sagte er dem "Handelsblatt".

Momentan indes sieht es ohnehin so aus, als würde Russland seine Stellung als europaweit beliebtester Gaslieferant zunächst behalten: E.ON verhandelt momentan über eine Beteiligung am Gasprom-Gasfeld Juschno Russkoje in Sibirien, ein entsprechender Vertrag soll laut "Handelsblatt" schon am nächsten Donnerstag im Beisein von Angela Merkel und Russlands Präsident Putin unterzeichnet werden. Als Gegenleistung will E.ON Gasprom offenbar eine Beteiligung in Mittel- und Osteuropa anbieten. Und auch Deutschlands zweiter Energieriese RWE verhandelt offenbar mit den Russen: Wie die "Berliner Zeitung" berichtet, will sich RWE einen direkten Zugang zur russischen Erdgasförderung verschaffen. Im Gegenzug verlange Gasprom Zugang zu den RWE-Endkunden beziehungsweise Beteiligungen an regionalen RWE-Versorgungstöchtern.

Derweil warnte die Internationale Energieagentur (IEA) ihre Mitgliedsstaaten erneut vor der Unberechenbarkeit der Russen. IEA-Chef-Ökonom, Fatih Birol, sagte der "Financial Times Deutschland" (Freitagausgabe): "Europa muss seine Energiepolitik ändern, um nicht in gefährliche Abhängigkeiten von russischem Erdgas zu geraten."