Update

Fukushima: Wiedereinsetzen der Kernspaltung wahrscheinlich

Die Brennstäbe in Reaktor 4 sind offenbar viel heißer als gedacht und lagern an einer deutlich gefährlicheren Stelle als bislang angenommen. Weiterhin versuchen die 50 in der Anlage verbliebenen Arbeiter, das Schlimmste zu verhindern. Sie werden den Einsatz vermutlich mit dem Leben bezahlen.

Netzausbau© Thomas Aumann / Fotolia.com

Berlin (dapd/red) - Nachdem die Technik versagt hat, muss das nukleare Feuer jetzt quasi per Hand, über Feuerwehrleitungen, eingedämmt werden. Die letzte Hoffnung im Kampf gegen den Super-GAU in der drittstärksten Industrienation der Welt: 50 Männer in weißen Schutzanzügen.

Diese Männer, sagt ein Experte des Bundesamtes für Strahlenschutz der Nachrichtenagentur dapd "verdienen größte Hochachtung". Sie akzeptierten das Risiko von Strahlen- oder Krebserkrankungen. "Es ist durchaus möglich, dass diese Männer ihren Einsatz mit dem Leben bezahlen, sich für die Gesellschaft opfern", sagt der Strahlenschutzfachmann.

Ein lebensgefährlicher Einsatz gegen den Super-GAU

Die Trupps auf dem Gelände versuchen seit Tagen irgendwie die Kühlung der Kernbrennstäbe in den Reaktoren 1, 2, 3 und 4 aufrecht zu erhalten. Dabei waren sie zeitweise gefährlichen Strahlendosen ausgesetzt.

So war der Stand am Donnerstagmorgen: Die noch nicht abgebrannten Stäbe wurden kürzlich aus dem vergleichsweise gut abgesicherten Reaktordruckbehälter entnommen und in das Abklingbecken transportiert, wie ein Experte des Bundesamts für Strahlenschutz, der über direkte Informationen aus Japan verfüge, am Mittwoch der Nachrichtenagentur dapd sagte.

Die immer noch extrem heißen Stäbe lagern damit, wegen geplanter Wartungsarbeiten, außerhalb der Stahlschutzhüllen des Meilers, in dem es am Dienstag bereits zweimal gebrannt hatte. In den 60 Tonnen schweren, hoch aktiven Brennstäben des Reaktorkerns sollte, im Normalfall, zwar keine Kernspaltung mehr stattfinden. Sie sind aber weitaus aktiver als abgebrannte Stäbe, die zum Abklingen und Auskühlen im meterhohen Wasser liegen. Das sei vermutlich ein Grund dafür, dass die Flüssigkeit in den Becken gekocht habe und verdampfe, sagte der Experte.

Dabei habe höchstwahrscheinlich eine unkontrollierte Kettenreaktion wieder eingesetzt, erklärte der Nuklearexperte Shaun Burnie. Der international tätige Gutachter sagte der Nachrichtenagentur dapd am Mittwoch, im Abklingbecken des Reaktors 4 lagerten insgesamt 135 Tonnen Brennelemente. "Vermutlich läuft ein unkontrollierter Spaltprozess ab", sagte Burnie. Das würde den mehrfach beobachteten weißen Rauch oder Dampf erklären. Eine besondere Gefahr gehe jetzt von etwa einer Tonne Plutonium aus, die in den Stäben enthalten sei. Plutonium entsteht automatisch, wenn Uranbrennstäbe zur Gewinnung von Kernenergie genutzt werden.

Selbstentzündung der Brennstäbe droht

Bereits etwa zehn Tonnen des aktiven Kernbrennstoffs würden reichen, um einen Neubeginn der Kernspaltung zu starten. Die sechsfache Menge liegt im Abklingbecken. Wenn der Wasserspiegel im Becken so weit sinkt, dass diese Brennstäbe frei liegen, droht die Gefahr der Selbstentzündung, erklärte der Experte des Bundesamts für Strahlenschutz. Die Uranpellets befinden sich in Röhren aus einer Legierung aus dem Metall Zirkonium. Dieses sogenannte "Zirkaloy" entzünde sich bei Temperaturen ab 800 Grad und bei Kontakt mit dem Luftsauerstoff von selbst.

Dadurch könne der so genannte "Kamineffekt" einsetzten, sagte der Atomexperte Mycle Schneider, der die japanischen Anlagen vielfach begutachtet hat. "Die Radioaktivität würde sich viel weiter verbreiten, weil sie wie in einem Kamin hoch in die Atmosphäre aufsteigen würde", sagte Schneider. Zudem ändere sich die Partikelgröße und die Form der Radionuklide. "Der menschliche Körper ist dadurch stärker gefährdet, weil er diese dadurch tief in die Lunge einatmet."