Öffentlichkeit schwenkt um

Fukushima-Folgen: Japan entdeckt den Atomprotest

Die öffentliche Meinung in Japan zur Nutzung der Kernenergie ist nach Beobachtung von Atomkritikern deutlich umgeschwenkt. Indes zeigt sich zwei Monate nach dem verheerenden Unfall, dass die Frage nach der Zukunft der Region in Japan "eine Art Tabu" darstellt.

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Berlin/Tokio (dapd/red) - Zwei Monate nach den Reaktorhavarien von Fukushima ist die Frage nach der Zukunft der Region in Japan "eine Art Tabu". Der an der Sophia-Universität in Tokio lehrende Professor für Geschichte, Sven Saaler, sagte der Nachrichtenagentur dapd am Dienstag (Ortszeit): "Wenn Zeitungen auch nur vorsichtig thematisieren, dass dort vielleicht für Jahrzehnte niemand mehr leben kann, gibt es sofort heftige Reaktionen der betroffenen Menschen." Darum komme beispielsweise die Frage nach der Bewohnbarkeit der Region um Fukushima bisher nur relativ selten in den Medien vor.

Fukushima ist weiter ein großes Thema

Nach Saalers Einschätzung haben die dramatischen Ereignisse durchaus gesellschaftliche Veränderungen ausgelöst. Die Auswirkungen der Katastrophe seien weiter ein großes Thema, "das jeden Tag in den Nachrichten vorkommt". Vor den Unfällen, so Saaler, hatten die meisten Japaner die Sicherheit von Atomkraft werken praktisch nicht infrage gestellt. Das habe sich inzwischen verändert. Es werde jetzt zunehmend über alternative Energien diskutiert. Eine "gewisse Aufbruchstimmung" hat Saaler wahrgenommen, aber sie "hat noch nicht besonders viel Dynamik entwickelt".

Dass die Mehrzahl der Japaner jetzt deutlich skeptischer ist als vor dem Super-GAU in Fukushima, will auch Philip White vom Citizens' Nuclear Information Center (CNIC) festgestellt haben. White sagte der Nachrichtenagentur dapd: "Viele Japaner sind jahrzehntelang gehirngewaschen worden. Ihnen wurde eingetrichtert, Atomkraft sei ein notwendiges Übel".

Auch Ministerpräsident Kan reagiert

Jetzt habe es eine "klare Verschiebung" in der öffentlichen Meinung gegeben. In Deutschland sei man vielleicht nicht beeindruckt, wenn 15.000 Leute an einer Demonstration gegen Atomkraft teilnehmen. Für Japan sei das aber eine "ungeheure Zahl", bekräftigte White. Auch die Politik sei dabei, umzuschwenken. So jedenfalls wertet White den Plan der japanischen Regierung, den weiteren Ausbau der Atomenergie auszusetzen.