Atomruine

Fukushima-Eiswand hält verseuchtes Wasser nicht zurück

In die Atomruine in Fukushima dringt noch immer Grundwasser ein und Teile des verseuchten Wassers gelangen anschließend nach außen. Mit einem Eiswall sollte das Problem behoben werden. Die Barriere scheint aber nicht mal gewöhnlichem Regen stand zu halten.

Kernenergie© lassedesignen / Fotolia.com

Fukushima - "Ich versichere Ihnen, die Situation ist unter Kontrolle": Das sagte der japanische Regierunschef Shinzo Abe im September 2013 vor dem Olympischen Komitee über das Atomunglück in Fukushima. Die Bewerbung für die Sommerspiele 2020 in Tokio stand auf dem Spiel. Japan entschied die Vergabe für sich, die Probleme in der Atomruine Fukushima Daiichi sind aber bei weitem noch nicht gelöst.

Bewohner können noch immer nicht zurück

Am 11. März 2011 war es in Folge eines schweren Erdbebens und Tsunamis zu Kernschmelzen in drei der sechs Reaktoren des Kraftwerks gekommen. Um sie zu kühlen, pumpt der Betreiberkonzern Tepco seitdem Wasser hinein. Auch über fünf Jahre nach der Katastrophe können mehr als 100.000 Anwohner wegen der radioaktiven Belastung nicht in ihre Häuser zurück.

Stilllegung in 30 bis 40 Jahren

Stillgelegt wird die Anlage nach Einschätzung von Tepco in etwa 30 bis 40 Jahren - doch damit es überhaupt dazu kommt, muss der Betreiber das Wasserproblem in den Griff bekommen. Grundwasser dringt in die Kellerräume der stark radioaktiv verseuchten Anlage ein. Und was noch schlimmer ist: Ein Teil dieses dann verseuchten Wassers versickert und gelangt in den Pazifik.

Eiswand funktioniert noch nicht einwandfrei

Eine 1,5 Kilometer lange und 30 Meter tiefe Barriere aus gefrorener Erde soll diesen Wasserfluss eigentlich unterbinden. Tepco hatte 2014 mit der Errichtung der unterirdischen Sperre begonnen, die Arbeiten endeten im Februar. Seit Juli sollte die Eiswand einsatzfähig sein, ist aber bislang nicht völlig durchgefroren. Das Projekt kostet die japanischen Steuerzahler 35 Milliarden Yen (308 Millionen Euro).

"Sie haben immer wieder gesagt, sie können das. Aber das tun sie nicht", sagte der ehemalige Ministerpräsident Junichiro Koizumi vor kurzem. Koizumi (74), in seiner Zeit als Regierungschef von 2001 bis 2006 ein überzeugter Unterstützer der japanische Atomindustrie, hat sich zu einem ihrer schärfsten Kritiker gewandelt. Abes Aussage, die Situation sei unter Kontrolle, sei "eine Lüge" gewesen, sagt Koizumi. "Ich frage mich, wie er so etwas sagen konnte."

Kühlflüssigkeit im Boden

Offiziell heißt die Eisbarriere um die Reaktorblöcke 1 bis 4 "Undurchdringliche Wand auf der Landseite". Die Sperre funktioniert mittels Bodenvereisung. Durch Rohre im Boden wird eine Kühlflüssigkeit geleitet. Diese kühlt die Erde in ihrer Umgebung so weit herunter, dass das Grundwasser gefriert - so kann kein Wasser die Sperre von innen oder außen durchdringen.

Regen lässt die Eiswand schmelzen

Das Projekt sei auf Kurs, betont Tepco-Sprecher Tatsuhiro Yamagishi. 99 Prozent der Eisbarriere im kritischen Bereich direkt am Meer seien vollständig gefroren. Allerdings musste Tepco zugeben, dass im August durch starke Niederschläge Teile des Walls geschmolzen waren und neu vereist werden mussten. Verseuchtes Wasser sei zwar ausgesickert, aber nicht ins Meer gelangt, versicherte die Betreiberfirma. Man untersuche nun, wie man dies in Zukunft verhindern könne, erklärt Yamagishi.

Solche Aussagen beruhigen Hisataka Yamazaki, von der Anti-Atomorganisation "Depleted Uranium Centre Japan" nicht. Er glaube, es gebe Lecks, sagt er. Der Vorfall sei sehr ernst - denn die Gegend um Fukushima sei nicht von starken Stürmen betroffen gewesen. Noch heftigerer Regen könnte also den Eiswall weiter auftauen. Damit bestehe die Gefahr, dass mehr verseuchtes Wasser ins Meer fließen könnte.

Übergangslösungen wie der Eiswall würden nicht funktionieren, meint auch Hideyuki Ban vom Bürger-Atom-Informationszentrum in Tokio. "Ich denke, das Projekt ist gescheitert." Es habe von Anfang an Zweifel gegeben, ob die Barriere vollständig gefrieren könne.

Koizumi: Profit geht über die Sicherheit

Die Atomkatastrophe von Fukushima habe ihm klar gemacht, dass die Expertenaussagen, Atomkraft sei sicher, billig und sauber, unwahr seien, sagt Koizumi. "Ich schäme mich, diese Lügen geglaubt zu haben." Tepco und andere Betreiber würden ihre Profite über die Sicherheit stellen, sagt der ehemalige Atom-Unterstützer. "Der Gewinn hat Priorität, die Sicherheit wird auf Eis gelegt."

Quelle: DPA