Zäsur

Fukushima: Der Super-GAU für Deutschlands Stromriesen

Die Atomkatastrophe von Fukushima war auch ein Super-GAU für die vier deutschen Kernkraftwerksbetreiber E.on, RWE, Vattenfall und EnBW. Gewinnwarnungen, Kurseinbrüche und Stellenabbau markieren seitdem die Etappen eines bis dahin unvorstellbaren Abstiegs der lange erfolgsverwöhnten Stromriesen.

Strompreise© Gina Sanders / Fotolia.com

Düsseldorf (dapd/red) - Die Wende kam ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, als sich die Energiekonzerne am Ziel ihrer Wünsche wähnten. Erst wenige Monate vor dem Erdbeben in Japan hatten sie bei der Bundesregierung eine Laufzeitverlängerung für die deutschen Reaktoren durchgesetzt, die ihnen in den kommenden Jahrzehnten zusätzliche Milliardeneinnahmen verschaffen sollten.

Fukushima sorgt für ungeahnten Stimmungswandel

Vielleicht fiel es den Konzernen auch deshalb zunächst schwer, das Ausmaß des Stimmungswandels in Deutschland zu begreifen. Als RWE-Chef Jürgen Großmann fast einen Monat nach Fukushima für seine Rolle als Atomlobbyist mit dem Schmähpreis "Dinosaurier des Jahres" ausgezeichnet wurde, witzelte er noch selbstbewusst: "Die Dinosaurier haben die Welt 165 Millionen Jahre regiert, dagegen ist der Mensch eine Eintagsfliege."

Auch E.on-Chef Johannes Teyssen warnte vor der Ethikkommission der Bundesregierung vor einem überhasteten Ausstieg und warb für die Kernkraft als Brücke in eine sauberere Energiezukunft. Doch alle Bemühungen der Kernkraftbefürworter blieben im Angesicht der Katastrophe vergeblich.

Der Wert von RWE hat sich halbiert

Der Beschluss des Bundestages zur sofortigen Stilllegung von acht Altreaktoren und zum beschleunigten Atomausstieg bis 2022 traf die Stromriesen ins Mark. Denn die längst abgeschriebenen Kernkraftwerke in Deutschland waren in den vergangenen Jahrzehnten für die Konzerne fast so etwas wie Gelddruckmaschinen. Auf etwa eine Million Euro schätzen Experten den Gewinn, den ein abgeschriebener Meiler abwirft - pro Tag.

Die Börse reagierte gnadenlos: Deutschlands größter Energieversorger E.on verlor seit Fukushima 40 Prozent seines Wertes. Der Wert des größten deutschen Stromproduzenten RWE hat sich seit Fukushima sogar halbiert.

Allein in den ersten sechs Monaten belasteten E.on die unerwarteten Kosten für die vorzeitige Stilllegung von Kernkraftwerken und die Brennelementesteuer nach eigenen Angaben mit 1,7 Milliarden Euro. Im zweiten Quartal schrieb der Konzern erstmals in seiner zehnjährigen Geschichte rote Zahlen. E.on will nun weltweit bis zu 11.000 Stellen abbauen.

RWE erwartet in diesem Jahr durch den Atomausstieg Belastungen von 1,3 Milliarden Euro und einen drastischen Ergebniseinbruch. Um Mittel für eine strategische Neuausrichtung freizusetzen, will der Konzern nun verstärkt Beteiligungen verkaufen. Außerdem sollen die Investitionen eingeschränkt werden.

Klagen wurden bereits eingereicht

Der baden-württembergische Energieversorger EnBW bezifferte die Sonderbelastungen durch die Stilllegung seiner Altreaktoren auf rund 615 Millionen Euro und schrieb im ersten Halbjahr tiefrote Zahlen. Der schwedische Staatskonzern Vattenfall musste für seine deutschen Kernkraftwerke Krümmel und Brunsbüttel nach dem Ausstiegsbeschluss unvorhergesehene Wertberichtigungen und Rückstellungen in Höhe von 1,1 Milliarden Euro vornehmen.

Noch hoffen die Konzerne allerdings, sich zumindest einen Teil dieser Milliarden zurückholen zu können - durch Klagen gegen die Brennelementesteuer und das nach Fukushima verabschiedete Atomgesetz.