Heimkehr

Fukushima: Anwohner wollen nicht zurück

Gut drei Jahre nach Beginn der Atomkatastrophe in Fukushima hat Japan die Evakuierung in einem Teil der Stadt Tamura nahe der Atomruine aufgehoben - die Anwohner können in ihre Häuser zurückkehren. Das will jedoch gar nicht jeder. Ex-Präsident Kan warnt indes vor weiteren Atomunfällen, die durch Erdbeben ausgelöst werden könnten.

Radioaktiv© grandeduc / Fotolia.com

Tamura (dpa/red) - "Am liebsten würde ich aus Fukushima wegziehen", sagt Miyoko Watanabe. Ihr ganzes Leben hat die 73 Jahre alte Japanerin in Miyakoji verbracht, einem Stadtteil von Tamura nahe der Atomruine Fukushima - bis zu jenem 11. März 2011, als ein Erdbeben mit Tsunami den Nordosten des Landes heimsuchte und es im Kernkraftwerk Fukushima Daiichi zur größten Atomkatastrophe seit Tschernobyl kam. Anwohner wie Watanabe mussten fliehen. Doch nun dürfen erstmals seit drei Jahren Bewohner Miyakojis in ihre Häuser zurück, nachdem der Staat weite Regionen in der 20-Kilometer-Evakuierungszone dekontaminieren ließ. Doch Miyoko Watanabe will nicht zurück. Andere zögern noch.

Kein Geld für einen Neuanfang

Während die Regierung und staatstragende Medien des Landes die Aufhebung der Evakuierung für ihren Heimatort als Meilenstein bei der Bewältigung der verheerenden Katastrophe feiern, ist vielen früheren Bewohnern der Region ganz anders zumute. Die einen halten wie Watanabe ihre Häuser für zu gefährlich, andere für zu beschädigt, um dort wieder zu wohnen. Für einen Neuanfang an anderer Stelle reichten die finanziellen Mittel nicht aus. Seit die Evakuierungsanordnung im vergangenen Monat aufgehoben wurde, sind bisher nicht einmal ein Zehntel der 355 betroffenen Bewohner von Miyakoji in ihre Häuser zurückgekehrt, heißt es bei der zuständigen Verwaltung von Tamura.

Bonus für Rückkehrer

Kritiker werfen der Regierung vor, indirekt Druck auf die Menschen auszuüben, damit sie zurückkehren. Mit Wegfall der Evakuierungsverfügung endet im kommenden März auch die Zahlung von Entschädigung für die psychologischen Folgen, die sich bisher auf monatlich 100.000 Yen (rund 720 Euro) pro Person belief. Wer vorher zurückkehrt, bekommt einen einmaligen Bonus in Höhe von 900.000 Yen. "Die Entscheidung, die Evakuierung aufzuheben, ist mir nicht leicht gefallen", erklärt der Bürgermeister von Tamura, Yukei Tomitsuka. Die Situation seit der Evakuierung Miyakojis habe sich jedoch geändert.

Zum einen sei die Gefahr einer neuen Explosion in der Atomruine heute gering. Zum anderen gebe es Orte außerhalb der Evakuierungszone, wo die Strahlenwerte sogar höher seien. Manche seiner Bürger sähen daher keinen Grund, warum sie nicht heimkehren sollten. "Jemand musste ja irgendwann einmal sagen, ob man zurückkehren kann oder nicht", rechtfertigt Tomitsuka im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa seine Entscheidung. Er habe das für die getan, die zurück wollten.

Einer von ihnen ist Yoshio Ishii. Der 74 Jahre alte Bauer und seine Frau sind froh, nach fast drei Jahren in einer winzigen containerähnlichen Behelfsunterkunft wieder in ihrem alten Haus zu leben. Auch wenn die Strahlenwerte gesunken seien, würde er jungen Leuten dennoch nicht empfehlen, hierher zurückzukehren, sagt er.

Zwar wolle er im nächsten Jahr wieder Reis anbauen. "Ich frage mich allerdings, ob Leute Reis von hier wollen, zumal aus dieser Gegend, die ja innerhalb der 20-Kilometer-Zone liegt", sagt der drahtige alte Mann und blickt über seine geliebten Felder. Er werde seinen Reis wohl eher als Futtermittel verkaufen. Immerhin aber ist er glücklich, wieder hier in seiner idyllisch gelegenen Heimat zu sein.

Kein Verständnis für die Heimkehrer

Watanabe hat für die Heimkehrer keinerlei Verständnis. "Die Leute nehmen Radioaktivität viel zu sehr auf die leichte Schulter", beklagt sie. Nicht überall sei vom Staat dekontaminiert worden. Die Bio-Bäuerin lebt heute mit ihrem Mann und ihrer noch zur Schule gehenden Enkelin in einem weiter weg gelegenen Stadtteil von Tamura in einem Mietshaus. Am liebsten würde sie ganz wegziehen. Ihre Enkelin wolle aber ihre Freunde nicht aufgeben. Es sei nicht allein die Radioaktivität, weswegen sie nicht in ihr altes Haus zurück wolle - vielmehr das Unverständnis der Menschen um sie herum, das ihr entgegenschlage. Nicht allein der Staat trage Schuld. "Eine noch größere Rolle spielt das Bewusstsein der Bewohner", klagt sie.

Die Regierung wolle, dass die Menschen zurückkehren, "damit es so aussieht, als wäre dieser Atomunfall nichts Schlimmes gewesen", sagt die alte Frau. Früher sei ihnen stets eingetrichtert worden, alles sei sicher. "Ich fühle mich von der Regierung hintergangen." Dennoch will sie nicht aufgeben und weiter andere Menschen über die Gefahren der Kernenergie aufklären. Damit steht sie nicht alleine da.

Ex-Präsident warnt vor weiteren Atomunfällen

Eine der prominentesten Stimmen ist Naoto Kan. Der Super-Gau in Fukushima hat den damals regierenden Ministerpräsidenten noch während seiner Amtszeit zu einem entschiedenen Atomkraftgegner werden lassen. In einem Interview der dpa warnt er vor einer neuen Atomkatastrophe, sollte es wie befürchtet eines Tages in der südlich der Hauptstadt Tokio gelegenen Region Tokai ein schweres Erdbeben geben. Es sei zu befürchten, dass es dann "zu einem ebensolchen Unfall (wie in Fukushima) beziehungsweise zu einem noch größeren Unfall kommt".

Quelle: DPA