Kaum Proteste

Franzosen wählen Endlager nahe der deutschen Grenze

Anders als in Deutschland gibt es im Atomland Frankreich kaum Proteste wegen des geplanten Atom-Endlagers. Dieses wird nahe der deutschen Grenze und damit mitten in Europa liegen. Wenn alles nach Plan läuft, soll in fünf Jahren gebaut werden - derweil fließen jede Menge Subventionen in den kleinen Ort.

Atomstrom© dasglasauge / Fotolia.com

Bure (dpa) - Die Weiler um den geplanten französischen Atomendlager-Standort scheinen ausgestorben. Auf den grünen Hügeln rund um die 80-Seelen-Gemeinde Bure in Südlothringen ragen nur ein paar Strommasten und Windräder in die Höhe. In einem riesigen Labor 500 Meter unter der Erde neben dem Dorf herrscht indes geschäftiges Treiben. Rund 150 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt erforschen seit Jahren Wissenschaftler die Bedingungen für die Lagerung der Unmengen von mittel- und hoch-radioaktiven Abfälle aus den 58 französischen Atomkraftwerken.

Anders als in Deutschland ist in Frankreich kein alternativer Standort in Sicht. Nach den Plänen der Gesellschaft für Atommüll (Andra) sollen bei Bure die Stollen für das Endlager von 2018 an gebuddelt werden, der erste strahlende Müll soll 2025 eingelagert werden. "Das mag eine Notlösung sein, aber es ist die sicherste mögliche", argumentiert Andra-Vizedirektor Jean Paul Bailla. Das Tongestein biete für mindestens 100 000 Jahre Schutz vor der Strahlung. Und das Grundwasser habe keine Verbindung nach Norden, Osten und Westen.

Müll soll jederzeit rückholbar sein

Immer wieder betont Baillat, die Andra sei eine unabhängige Organisation. Letztlich werde Paris entscheiden. Andra ist um Transparenz bemüht, schleust Besuchergruppen durch ihr Felslabor: Einen halben Kilometer fährt ein ratternder Fahrstuhl in die Tiefe. Dort bohren Arbeiter und messen Wissenschaftler in gelben Warnwesten und ausgestattet mit Helm, Grubenlampe und Selbstretter in den inzwischen mehr als 1,5 Kilometer langen Schächten, an der Decke Rohre und Kabelstränge.

Waagrechte Bohrlöcher mit rund 70 Zentimeter Durchmesser wurden in die Wand getrieben. In solche Mulden sollen später einmal auf eine Haltbarkeit von 5000 bis 7000 Jahre ausgelegte Stahlbehälter mit dem strahlenden Abfall geschoben und zunächst für 100 Jahre gelagert werden. Was dann mit dem Müll geschieht, sollen künftige Generationen entscheiden. Daher sollen die "Gebinde" auch jederzeit wieder zurück an die Oberfläche geholt werden können.

Kritiker bleiben skeptisch. "Da werden vollendete Tatsachen geschaffen, während noch geforscht wird", sagt die saarländische Grünen-Abgeordnete und frühere Umweltministerin Simone Peter. Sie verweist auf eine amerikanische Studie von 2011, nach der Fragen zu Hohlräumen und Felsspalten, Trinkwasseradern und vor allem dem Temperaturverhalten des Gesteins noch offen sind.

Kritiker bezeichnen Debatte als Farce

Derzeit läuft eine "nationale Debatte" als Vorbereitung für den Genehmigungsprozess - nach Ansicht von Gegnern des Lagers eine "Farce". Denn die Bürgerbeteiligung ist vor allem zur Information der Bevölkerung gedacht. "Das erfordert die Demokratie", sagt der Präsident der zuständigen Expertenkommission der Nationalen Kommission für Debatte (Cigéo), Claude Bernet.

Nach lautstarken Protesten von meist nach Bure angereisten Atomgegnern brach Bernet Ende Mai die erste öffentliche Anhörung ab und verschob die beiden nächsten Veranstaltungen. Dennoch sei die Bürgerbeteiligung gesichert, betont seine Sprecherin. Jeder könne seine Fragen im Internet stellen. Für die Gegner von Bure ist das ein erster Erfolg. "Ich vergleiche das mit Gorleben vor 30, 40 Jahren", sagt Frank Linke von der Organisation "Bure Zone Libre".

Die Legende vom billigen Strom wirkt

Der Widerstand hält sich in Grenzen. Zum Einen werden aus Atomstrom rund drei Viertel des im Vergleich zu Deutschland billigen Stroms gewonnen. Zum Anderen gilt Atomkraft als "ein letztes Symbol der Großmacht Frankreich", wie auch Ex-Umweltministerin Peters weiß.

Die Bevölkerung vor Ort schweigt weitgehend. Es winken nicht nur Arbeitsplätze für die strukturschwache Region, die Departements Haute-Marne und Meuse profitieren jetzt schon von dem Projekt. Sie bekommen je 30 Millionen Euro im Jahr aus Infrastrukturtöpfen aus Paris. Das ist so viel wie sonst in ein Departement fließt, in dem ein Atomkraftwerk mit drei Reaktorblöcken gebaut wird.

Subventionen blenden das Gewissen aus

Die "Subventionitis" treibt Blüten. So gönnt sich Bure eine Festhalle und eine hippe Straßenbeleuchtung. "Das Gewissen der Menschen wird gekauft", sagt Kritiker Linke. Der Müll selbst soll zwar im Departement Haute Marne gelagert werden. Doch hat die Regierung in Paris eine "weise Entscheidung" getroffen, wie es Andra-Vize Baillat augenzwinkernd ausdrückt. Statt den Müll direkt in die Tiefe hinabzulassen, ist eine fünf Kilometer lange Rampe geplant. Deren Eingang soll auf Meuser Gebiet liegen. So bekommt auch das Nachbar-Departement Subventionen.

Quelle: DPA