Ein Störfall, der keinen stört

Frankreich nimmt Störfall in Atomkraftwerk gelassen

Zum zweiten Mal binnen weniger Wochen hat sich in Frankreich ein Störfall in einem Atomkraftwerk ereignet. Die Atomaufsicht stufte den Zwischenfall auf Stufe zwei der internationalen INES-Skala ein, also in die dritte von insgesamt acht Kategorien. Doch in Frankreich stört sich scheinbar keiner an dem Störfall.

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Paris (afp/red) - In Deutschland würde ein Störfall in einem Atomkraftwerk für einigen Aufruhr sorgen. Ziemlich sicher wäre das Thema tagelang in den Zeitungen. Nicht so in Frankreich: Der Störfall im Atomreaktor Cruas im Süden Frankreichs in der Nacht zum Mittwoch wurde dagegen nur am Rande zur Kenntnis genommen. Selbst in den Onlineausgaben der großen Zeitungen verschwand der mehrstündige Ausfall des Reaktorkühlsystems zwischen Sport- und Vermischtenthemen. Und die Pressesprecherin der französischen Atomaufsichtsbehörde ASN konnte über die nächtliche Presseerklärung hinaus nichts sagen, weil sie frei hatte.

Wichtiges System von Störfall betroffen

Jahr für Jahr gebe es im Durchschnitt gut hundert meldepflichtige Ereignisse und fast ebenso viele Störungen in französischen Atomanlagen, sagt ein anderer ASN-Mitarbeiter. Dass die Behörde den Zwischenfall in Cruas nun als "Störfall" eingestuft habe - auf Stufe zwei der internationalen Meldeskala INES - solle ihn nur von den üblichen meldepflichtigen Ereignissen "herausheben". Denn in diesem Fall sei ein "wichtiges System" betroffen gewesen. Das Hauptkühlsystem sei "mehrere Stunden lang" ausgefallen. Ersatzkühlsysteme hätten dies aber ausgeglichen.

Der letzte Störfall dieser Kategorie in Deutschland liegt acht Jahre zurück. In Frankreich wurde der letzte Störfall der Stufe zwei dagegen erst vor ein paar Wochen gemeldet: Im südfranzösischen Cadarache wurde beim Abbau einer Atomfabrik kiloweise hochgefährliches Plutonium entdeckt, das nirgendwo verzeichnet war. Laut Greenpeace hätte es zum Bau von fünf Atombomben ausgereicht.

Branche wolle vor wirklichen Gefahren ablenken

Dass die Franzosen so unerschrocken reagieren, hat nach Einschätzung von Atomkraftgegnern auch damit zu tun, dass das Land seit Jahrzehnten vier Fünftel seines Stroms aus Kernkraftwerken bezieht. "Die 58 Reaktoren sind da, sie produzieren Strom, was soll man dagegen tun", sagt ein Sprecher der Ausstiegsinitiative Sortir du Nucléaire. Die strenge Meldepolitik der Atomindustrie führe aber nur dazu, dass die Vorfälle "banalisiert" würden. Die Branche mache "absichtlich" zu viele unbedeutende Meldungen, um von möglichen Gefahren abzulenken, sagte der Sprecher. "Wenn es dann einmal einen ernsten Störfall gibt, schaut gar keiner mehr auf."