Drohende Stromausfälle

Experten sehen Energieversorgung zunehmend gefährdet

Der Strom aus der Steckdose gilt in Deutschland als so sicher wie das Amen in der Kirche. Doch diese Zeiten könnten schon bald der Vergangenheit angehören. Immer mehr Energieexperten, Verbraucherschützer und Politiker warnen vor Stromausfällen.

Netzausbau Ökostrom© Gina Sanders / Fotolia.com

Berlin (ddp/sm) - RWE-Chef Jürgen Großmann befürchtet in diesem Sommer sogar mehrtägige Unterbrechungen in der Versorgung. Kritiker werfen Großmann hier allerdings überzogene Panikmache vor, um eigene Versäumnisse zu kaschieren. Um Stromengpässe künftig zu verhindern, verlangte Großmann mehr Genehmigungen zum Bau neuer Kraftwerke. Außerdem müsse die Politik auch künftig auf Braunkohle und Kernkraft zur Energiegewinnung setzen, auch neue Stromleitungen seien nötig.

Zwar hält der Bund der Energieverbraucher das Szenario von mehrtägigen Stromausfällen für "überzogen", räumt aber ein, dass die Versorgungssicherheit gefährdet ist. Hintergrund seien allerdings weniger die schleppenden Genehmigungsverfahren für neue Kraftwerksbauten. Die Konzerne investierten trotz Milliardengewinnen nicht genug in ihre Übertragungsnetze, erläuterte der Vorsitzende Aribert Peters den ddp/Dow Jones Wirtschaftsnachrichten.

Peters warf dem RWE-Chef vor, politischen Druck auszuüben, um mehr Genehmigungen zum Bau neuer Kohlekraftwerke zu erhalten und den Ausstieg aus der Kernenergie rückgängig zu machen. Eigene Versäumnisse bei der Instandhaltung der Energienetze würden dadurch verschleiert. Das deutsche Übertragungsnetz sei im Durchschnitt 50 Jahre alt, bemängelte der Energieexperte. Auch Grünen-Fraktionsvize Bärbel Höhn warf Großmann "Panikmache in eigener Sache" vor: "Wenn es zu Black-Outs kommen sollte, dann aufgrund fehlender Investitionen in den Netzausbau."

Bereits der im Januar veröffentlichte Netzzustandsbericht der Bundesnetzagentur machte für das deutsche Übertragungsnetz "Investitionsbedarf in ganz erheblichem Umfang" aus, weil das Netz veraltet ist und die Grenzen seiner Belastbarkeit erreicht hat. Damals warnte die Behörde, dass "in einigen Regionen Deutschlands mittelfristig Engpässe im Stromnetz nicht auszuschließen" sind.

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) sieht daneben den Bedarf neuer Kraftwerke. Angesichts des Atomausstiegs wies er aber zuletzt Anfang Februar darauf hin, dass man sich nicht gleichzeitig von Kohle und Uran verabschieden könne. Neun Kohlekraftwerke seien in Deutschland bis 2010 geplant. "Aber die brauchen wir auch, damit alte Dreckschleudern vom Netz gehen und die Versorgungssicherheit erhalten bleibt", hatte Gabriel deutlich gemacht.

Die Bevölkerung sieht das offenbar anders: Erst jüngst zog RWE einen Genehmigungsantrag für den Bau eines 1600-Megawatt-Kohlekraftwerks im saarländischen Ensdorf zurück, nachdem die Bürger mehrheitlich dagegen votiert hatten.