Exklusiv-Interview mit Sigrid Giersch, FDP-Referentin für Energiepolitik

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In einem Exklusiv-Interview mit dem Strom-Magazin beantwortete die FDP-Referentin für Energie-. Agrarstruktur- und Tourismuspolitik, Sigrid Giersch, einige Fragen zum liberalisierten Strommarkt.



1. Welche Möglichkeiten wird Ihrer Meinung nach die Liberalisierung des
Strommarktes den Endkunden bieten?

Nach Expertenmeinungen werden Stromkosten für Großkunden um zirka ein
Drittel, und damit deutlich stärker fallen, als die Kosten für
Kleinverbraucher. Ihre Stromrechnung werden sich wohl nur um 10 bis 20
Prozent reduzieren. Damit wird eine Entwicklung fortgeschrieben, die
gerade den größten "Stromfressern" die weitgehendsten Rabatte einbringt.
Daß die Liberalisierung den Monopolpreisen der großen EVU's endlich das
Genick brechen wird, ist sicher wünschenswert. Aus Sicht der Umwelt geht
es jedoch nur um ein liberales Wettrennen um den am billigsten
produzierten, nicht um den volkswirtschaftlich günstigsten Strom. Wer
Sonnen- oder Windenergie aus der Steckdose zapfen, also Umweltzerstörung
reduzieren und nachfolgenden Generationen keine Hypotheken hinterlassen
will, wird mit deutlich höheren Energiepreisen bestraft. Eine
kinderreiche Familie kann also grünen Strom wollen, aber vielleicht
nicht bezahlen.

2. Wird ein ähnlicher Preiskampf wie in der Telekommunikationsbranche
entbrennen?

Die Preise der Stromversorger gehen jetzt schon nach unten. Weil
Gewinnmargen dahinschmelzen, steigt der Fusions- und Innovations- und
Rationalisierungsdruck um Kosten zu sparen. Vieles wird dabei auf dem
Rücken der Beschäftigten ausgetragen werden. Insofern gibt es Parallelen
zum Telekommunikationsmarkt. Im Gegensatz zur Telekommunikation kann im
Strommarkt von einer weitgehenden Gleichbehandlung aller Anbieter nicht
die Rede sein. Zwischen Yellow- und grünen Stromverkäufern besteht im
Preiskampf keine Chancengleichheit. Erstere kaufen billig Atom- und
Kohlestrom ein, dessen Umweltkosten, Risiken und Forschungssubventionen
die ganze Gesellschaft zu tragen hat. Letztere müssen ihr
umweltfreundlicheres und zukunftsfähiges Produkt in der Regel noch
deutlich teurer anbieten. Technische Entwicklung und Marktanteile lassen
hier keinen Preissturz erwarten. Weder das Stromeinspeisegesetz, noch
der peinliche Torso, der von der rotgrünen Ökosteuerreform
übriggeblieben ist, ändern etwas an dieser Situation.

3. Welche Schritte sollte die Politik in der weiteren Regulierung des
Strommarktes unternehmen um einen fairen Wettbewerb zu garantieren?
"Fair" ist eine politische Kategorie. In einem Umfeld, in dem die
ökologischen Folgekosten der Stromproduktion in so ungleicher Weise
verteilt sind, wäre formale Chancengleichheit nichts anderes als
Ungleichheit. Deshalb müssen - neben einem schnellstmöglichen Abschalten
aller Atomanlagen - die Wettbewerbsnachteile regenerativer Energien
deutlicher als bisher durch folgende Maßnahmen ausgeglichen werden:

Solarstrom und Windenergie sind kostendeckend zu vergüten. Strom aus der
Kraftwärmekopplung muß über Quotenregelungen fester Bestandteil des
jeweiligen Strommixes sein. Umweltkosten sind zum Faktor
betriebswirtschaftlicher Kalkulationen zu machen. Dafür sind eine
Ökosteuerreform, die ihren Namen verdient, und andere ökonomische
Instrumente, wie Zertifikats-, Ausschreibungs- und Quotenlösungen,
geeignet. Sozial Schwache müssen dabei einen finanziellen Ausgleich
erhalten. Über verschiedene Förderinstrumentarien sollten Investitionen
in regenerative Energien protegiert werden. Und schließlich ist eine
umfassende Regulierung der Durchleitungen genauso wichtig, wie die
Entflechtung von Elektrizitätsmonopolen.

4. Wechseln Sie privat Ihren Stromanbieter und wenn ja, wann?

Ich möchte Strom aus regenerativen Energien beziehen. Noch ist mir der
Markt jedoch zu unübersichtlich, die Anbieter von grünem Strom noch
nicht zertifiziert. Sobald die Konturen hier etwas klarer werden, werde
ich wechseln.

5. Ihr persönlichen Stromspartips
Unsinnige Haushaltgeräte stillzulegen ist genauso wichtig, wie
Stand-by-Funktionen abzuschalten. Bei notwendigen Neuanschaffungen Zeit
für die Auswahl von Energiesparmodellen nehmen. Volle Füllungen von
Waschmaschinen sparen nicht nur Strom, sondern auch Wasser. Der
Wäschewaschwahn der Deutschen könnte ohnehin etwas gezügelt werden.

Mit freundlichen Grüßen

Eva Bulling-Schröter, MdB
umweltpolitische Sprecherin (PDS)


Die Marktöffnung der Energiemärkte verdanken wir der Änderung des Energierechts, das die alte Regierung in den vergangenen Jahren durchgesetzt hat. Die Liberalisierung des Strommarktes hat Marktkräfte freigesetzt und den Wettbewerb angefacht. Glücklicherweise hat letzterer - wenn auch gegenüber den Industriekunden verzögert - jetzt den privaten Verbraucher erreicht. Er braucht nicht länger bei seinem früheren Gebietsmonopolisten bleiben, sondern kann auch von anderen Unternehmen Strom beziehen. Dies ist eine große Chance für ihn. Sie erfordert aber auch Mut und Verstand, denn ohne genaue Kenntnisse des Marktes und der Preise kann im Wechsel zum neuen Stromlieferanten sich als Boomerang erweisen. Deshalb gilt: Erst das Angebot genau prüfen, bevor man seinem alten Stromlieferanten kündigt.


Strom-Magazin: Wird ein ähnlicher Preiskampf wie in der Telekommunikationsbranche entbrennen?


Giersch: Der Wettbewerb auf dem Strommarkt in Deutschland ist in vollem Gang. Die purzelnden Preise sind bester Beweis. Schon heute ist abzusehen, dass der Wettbewerb um den Kunden sich fortsetzen wird, und die Strompreise sowie die Tarifstrukturen abgesenkt bzw. sich ändern werden. Dies ist für jeden Stromabnehmer vorteilhaft. Gesamtwirtschaftlich bedeutet es eine Stärkung des Wirtschaftsstandortes Deutschland im internationalen Wettbewerb, die dringend erforderlich ist, um sich in den globalisierten Märkten behaupten zu können.



Strom-Magazin: Wechseln Sie privat Ihren Stromanbieter und wenn ja, wann?


Giersch: Ich vergleiche zur Zeit die unterschiedlichen Angebote am Markt. Bei einer günstigeren Tarifstruktur und einem Leistungspreis, der unter meinem jetzigen liegt, bin ich bereit, den Anbieter zu wechseln.



Strom-Magazin: Ihre persönlichen Stromspartips?



Giersch: Es reicht nicht, zum günstigsten Anbieter zu wechseln, um Stromkosten zu sparen. Wichtig ist, dass wir uns auch weiterhin den klimaschutzpolitischen Zielen verpflichtet fühlen. Und das heisst im Klartext: Jeder muss Strom sparen und das jederzeit. Energiebewusst handeln sollte Maxim für jedermann sein, damit jeder einzelne seinen persönlichen Beitrag zur gezielten Verminderung des Energieverbrauchs und der damit verbundenen Schadstoffemissionen leisten kann.



Annika Krisp