Verhandlung begonnen

Ex-EnBW-Chef Claassen nennt Bestechungsvorwürfe "absurd"

Utz Claassen ist sich seiner Sache sehr sicher - auch vor Gericht: "Ich habe mir absolut nichts vorzuwerfen", begann der ehemalige Chef des viertgrößten deutschen Energiekonzerns EnBW seine detailreichen Ausführungen im Korruptionsprozess um die sogenannte WM-Ticket-Affäre.

Netzausbau Ökostrom© Gina Sanders / Fotolia.com

Karlsruhe (ddp/sm) - Das Strafverfahren vor dem Landgericht Karlsruhe startete am Dienstagmorgen unter schärfsten Sicherheitsvorkehrungen, offenbar weil Claassen nach wie vor als polarisierende Reizfigur gilt. Die von der Staatsanwaltschaft gegen ihn erhobenen Bestechungsvorwürfe seien "absurd" und "außerhalb meines Vorstellungsvermögens", sagte Bernotat. Kein "einziger Mensch auf der ganzen Welt" könne doch glauben, dass er mit Gutscheinen für WM-Tickets Politiker habe "kaufen" wollen.

Die Staatsanwaltschaft wirft Claassen Vorteilsgewährung in sieben Fällen vor. Er habe im Dezember 2005 an sieben hochrangige Politiker per Weihnachtspost jeweils zwei Ticket-Gutscheine für ein Spiel der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 geschickt, um die Amtsträger in dienstlichen Angelegenheiten zu beeinflussen. Die Anklage spricht von einer verbotenen "amtsbezogenen Klimapflege" und verweist darauf, dass einige Beschenkte unter anderem für atomrechtliche Genehmigungen zuständig seien.

Die Gutscheine hatten laut Staatsanwaltschaft einen Wert von rund 2100 Euro für Spiele in Stuttgart und von 2600 Euro für ein Spiel in Berlin. Doch das bestritt Claassen-Anwalt Klaus Menge vehement: "Maximal 120 Euro" seien realistischer. Der Verteidiger betonte, Claassen sei seit 18 Monaten einer "beispiellosen Kampagne öffentlicher Diffamierung ausgesetzt". Die Staatsanwaltschaft vermittle ein "Zerrbild eines korrupten Wirtschaftsführers" Die Empfänger der Gutscheine seien aber nicht aus einer Bestechungsabsicht, sondern ausschließlich zu repräsentativen Zwecken eingeladen worden. Die EnBW als WM-Sponsor habe sich mit ihnen "schmücken" wollen.

Karten waren "eigentlich keine Geschenke"

Menge wies zudem darauf hin, dass die Mitglieder der Landesregierung ohnehin Anspruch auf Ehrenkarten bei WM-Spielen gehabt hätten. "Es macht einfach keinen Sinn, jemand mit einer nicht übertragbaren Freikarte zu einem Fußballspiel bestechen zu wollen, zu dem er ohnehin freien Eintritt hatte", sagte Menge. "Warum haben Sie das dann überhaupt so gemacht?", fragte die Staatsanwältin. Darauf sagte Claassen, die Karten hätten "nur symbolische Wirkung" gehabt und sollten "die Vorfreude auf die WM wecken". Es seien "letztlich keine Geschenke" gewesen.

Von insgesamt 700 Adressaten seiner persönlichen Weihnachtspost als EnBW-Chef seien etwa 35 mit zusätzlichen Präsenten bedacht worden, etwa auch mit einer Flasche Wein oder Espresso-Tassen. Claassen betonte zudem, dass er alle 700 Karten am 22. Dezember 2005 in größter Zeitnot "im Akkord" unterschrieben habe. Er habe damit schon begonnen, als er an diesem Tag von 11. 00 bis 13.00 Uhr beim Zahnarzt gewesen und von "mehreren Betäubungen" leicht benommen gewesen sei. Erst nach der jeweiligen Unterschrift habe seine Sekretärin einen Vorschlag für ein Präsent gemacht, dem er dann in jedem Fall binnen weniger Sekunden zugestimmt habe.

Im Falle von Machnig habe es allerdings - wie er erst später erfahren habe - eine Verwechslung gegeben. Nachdem ein Unterschriftenordner heruntergefallen sei, seien Machnig "versehentlich" WM-Gutscheine zugeordnet worden. Machnig soll am 15. November als Zeuge gehört werden. Für die Hauptverhandlung sind acht Sitzungstage angesetzt. Das Urteil wird für Ende November erwartet.