Gas strömt wieder

Europa muss Konsequenzen aus Gasstreit ziehen

Nach Ende des fast zweiwöchigen Lieferstopps haben viele Länder in Mittel- und Osteuropa Dienstagabend wieder russisches Gas über die Ukraine erhalten. Bundeswirtschaftsminister Glos forderte trotz der endlich erzielten Einigung eine "strategische Antwort" auf den Gas-Streit.

Strompreise© Gina Sanders / Fotolia.com

Berlin/Kiew (AFT/sm) - Bundeswirtschaftsministe Glos betonte, auch wenn der Streit inzwischen beigelegt worden sei, dürfe nicht ohne Weiteres zur Tagesordnung übergegangen werden. Die vergangenen Wochen hätten gezeigt, dass der grundsätzliche energiepolitische Ansatz eines breiten Energiemixes richtig sei. Dies beinhalte "ausdrücklich" auch die Kohle und "selbstverständlich" auch die Kernenergie. Glos stellte sich hinter das Ziel, den Anteil der Erneuerbaren Energien beim Strom bis 2020 auf mindestens 30 Prozent zu erhöhen. Es verbleibe aber ein Anteil von 70 Prozent, der abgedeckt werden müsse.

Umweltminister Gabriel (SPD) spricht sich jedoch gegen das Festhalten an Atomenergie aus. Er nannte es "abenteuerlich" zu glauben, mit Kernkraft könne Deutschland unabhängiger von russichen Gasimporten werden. Atomenergie werde schließlich zur Stromerzeugung und nicht zum Heizen verwendet.

Glos und Verheugen für Ostsee-Pipeline

Glos plädierte zudem für eine weitere Diversifizierung der Transportwege und Lieferquellen. Die Bundesregierung unterstütze daher die Bemühungen, dass es zur Ostseepipeline komme, und sie sei auch gegenüber der Nabucco-Pipeline aufgeschlossen. Außerdem müsse die europäische Energieaußenpolitik gestärkt werden. Immer dort, wo es sinnvoll sei, müsse die EU einheitlich auftreten, um wirklich Ernst genommen zu werden. Glos schlug vor, auf europäischer Ebene eine "Task Force" einzurichten, um künftige Krisen schneller abfangen zu können. Auch EU-Industriekommissar Günter Verheugen sprach sich für den Bau der Ostsee-Pipeline aus, zudem müsste die EU aber ihre Abhängigkeit von Öl- und Gasimporten verringern.

Die Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbandes Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), Hildegard Müller, kündigte bei einer Energiewirtschaftstagung in Berlin für den Sommer ein neues Konzept für die Zukunft der Energie in Deutschland anvorstellen. Gleichzeitig erteilte sie dem Ruf nach einer nationalen Gasreserve ähnlich wie beim Öl eine Absage. Eine zusätzliche strategische Reserve würde das Erdgas weiter verteuern und die Verbraucher unnötig belasten. Zugleich würden Investitionsanreize für die Wirtschaft sinken. Die Verbraucherzentrale NRW hingegen forderte die Politik auf, mit einer nationalen Gasreserve vor allem kundenorientierte Konsequenzen aus dem Gaslieferstreit zu ziehen.

IEA erwartet auch zukünftig Lieferausfälle

Der jüngste Streit mit der Ukraine werfe einen dunklen Schatten auf Russland als verlässlichen Rohstoffanbieter, kommentierte Fatih Birol, Chefökonom der Internationalen Energieagentur (IEA), die aktuellen Geschehnisse. Auf NDR Info, dem Informationsprogramm des Norddeutschen Rundfunks, sagte Birol weiter, er erwarte, dass es in den kommenden Jahren sogar zu noch längeren Lieferausfällen kommen könne. Der IEA-Chefökonom forderte Deutschland auf, seine Energieimporte stärker als bisher auf verschiedene Lieferanten auszurichten.

In Anspielung auf die geplante Ostsee-Pipeline nach Mecklenburg-Vorpommern sagte Birol, man müsse sich genau überlegen, ob durch solche Projekte das Risiko einer Abhängigkeit von Russland vergrößert werde oder nicht. Eine Alternative sei es, Flüssiggas beispielsweise aus dem Mittleren Osten zu importieren. Der Energiekonzern Eon hatte entsprechende Pläne für ein Flüssiggas-Terminal in Wilhelmshaven im vergangenen Jahr auf Eis gelegt. Birol betonte, er gehe davon aus, dass auch die Bundesregierung ihre Energiepolitik überdenken werde. Der Gasstreit habe viele Politiker und Bürger stark verunsichert. Als Konsequenz erwarte er, dass alternative Energien und auch die Atomkraft künftig eine größere Rolle spielen würden, um den Gasverbrauch zu reduzieren, so Birol.

Deutschland erhält wieder russisches Erdgas über Ukraine

In Österreich liefen die Gaslieferungen am Dienstagabend wieder vollständig. Auch aus Tschechien meldete der Energiekonzern RWE Transgas, dass die Lieferungen wieder begonnen hätten. Auch in Ungarn, Bulgarien, Kroatien, der Slowakei und Slowenien kam am Dienstag wieder russisches Gas an.

Auch in Deutschland sei nun die vollständige Wiederaufnahme der Lieferungen über die Ukraine erfolgt, wie ein Sprecher von E.ON Ruhrgas, dem größten deutschen Importeur, am Mittwoch sagte. Alle Systeme seien im Normalbetrieb.

Die ukrainische Regierungschefin Julia Timoschenko und ihr russischer Kollege Wladimir Putin hatten sich in der Nacht zu Sonntag nach stundenlangen Verhandlungen darauf geeinigt, dass die Ukraine ab 2010 die in Europa üblichen Gaspreise bezahlt. Das Abkommen wurde am Montag unterzeichnet.