Vorreiter

Erstes deutsches Geothermie-Kraftwerk seit zwei Jahren am Netz

Im bundesweit einzigen Geothermie-Kraftwerk in Neustadt-Glewe sind seit der Inbetriebnahme im November 2003 etwa 700 Megawattstunden Strom aus Erdwärme produziert worden. Damit hat die Demonstrationsanlage zur Verstromung thermaler Energiequellen die ursprünglichen Erwartungen erfüllt.

Stromtarife© Andre Bonn / Fotolia.com

Neustadt-Glewe (ddp-nrd/sm) - Beständig quillt der Heißwasserstrom aus über 2000 Metern Tiefe an die Erdoberfläche. Im Wärmetauscher wird das 98 Grad heiße Wasser zu Dampf. Der treibt in einem Container eine 300 PS starke Turbine zur Stromerzeugung an. Thomas Funke ist zufrieden. Er ist Chef des ersten und bislang einzigen Geothermiekraftwerks in Deutschland im mecklenburgischen Neustadt-Glewe.

"Reichlich zwei Jahre sind wir jetzt am Netz", sagt der Techniker. Zu Buche stünden bislang etwa 700 Megawattstunden. Genug, um 300 bis 500 Haushalte in der Kleinstadt mit Strom zu versorgen. "Damit entsprach die 230-Kilowatt-Demonstrationsanlage, die auch Fernwärme liefert, grundsätzlich den Erwartungen", sagt Funke. Allerdings habe es 2005 drei größere Störungen gegeben, die zu zeitweisen Stillständen führten. Deshalb könnte die technische Verfügbarkeit der Anlage, die 72 Stunden lang überwachungsfrei arbeitet, noch erheblich gesteigert werden. Etwa in sechs Jahren hofft Funke, die Gewinnschwelle zu erreichen.

Mecklenburg-Vorpommern gilt längst als Wegbereiter der Geothermie in Deutschland. Schon zu DDR-Zeiten waren im Nordosten Bohrungen in die Erdkruste getrieben worden, um Fernwärmenetze mit geothermisch gewonnener Heizwärme zu speisen. Mit dem Know-how im Rücken gründete sich später die Firma Geothermie Neubrandenburg (GTN), die inzwischen bundesweit an Projekten zur Nutzung der Erdwärme arbeitet.

Angesichts des Rückgangs und der ständigen Verteuerung fossiler Energieträger gilt die schier unerschöpfliche Energie im Erdinnern nach Ansicht von Experten inzwischen als eine von mehreren Zukunftsalternativen. In einer 2003 erstellten Studie des Büros für Technologieabschätzung des Bundestages wird die Geothermie als "grundsätzlich ernst zu nehmende Option für die zukünftige Energieversorgung" in Deutschland bezeichnet.

Aus Funkes Sicht müssten Standorte für Geothermie-Kraftwerke vor allem zwei Voraussetzungen erfüllen: "Einerseits muss ein Wärmeanschlussgebiet, etwa ein Fernwärmenetz für Wohnungen oder Gewerbegebiete, existieren, weil die Stromerzeugung aus Erdwärme allein kaum wirtschaftlich ist. Vor allem aber müssen die geologischen und thermodynamischen Verhältnisse stimmen. Das heißt, wir brauchen in Tiefen von etwa 3000 Metern mindestens 100 Grad heißes Wasser in einem Mengenstrom von mehr als 150 Kubikmetern pro Stunde."

In Deutschland erfüllen nach aktuellem Erkenntnisstand vor allem drei Regionen diese Voraussetzung. Neben der norddeutschen Tiefebene befinden sich vor allem unter dem Tal des Oberrheins und im Voralpenland bedeutende Thermalwasservorkommen. Die ersten geothermischen Projekte, bei denen unterschiedliche Technologien getestet werden sollen, werden derzeit vorbereitet. In Unterhaching bei München, dem so genannten Molassebecken, stieß man unlängst in 3446 Metern Tiefe auf 122 Grad heißes Wasser. Nach weiteren Bohrungen sollen dort spätestens ab 2007 bis zu 150 Liter Thermalwasser pro Sekunde verstromt werden. Vielversprechend fielen auch Bohrungen in Offenbach aus. In der geologisch heißesten Zone Deutschlands ist der Bau eines 5-Megawatt-Kraftwerks geplant, das Strom für 20 000 Haushalte liefern könnte. Weitere Projekte zur Stromerzeugung mit Erdwärme laufen derzeit in der Schorfheide, in Speyer, im elsässischen Soultz-sous-Forets, in Landau und Bad Urach.

Ernst Huenges, Leiter des Geothermielabors bei Groß Schönebeck, schätzt, dass Erdwärme-Potenziale ein bis fünf Prozent des deutschen Strombedarfs decken, vorausgesetzt Forschung, Technologieentwicklung und Produktion würden auf Jahre gefördert. Nach Plänen des Umweltministeriums sollen bis 2018 in Deutschland für neun bis zehn Milliarden Euro knapp 1000 Megawatt geothermische Stromkapazitäten errichtet und dabei rund 10 000 Arbeitsplätze geschaffen werden.

Von ddp-Korrespondent Ralph Sommer