Versorger-Aufstand

Enervie will aus Stromproduktion aussteigen

Kleine Kommunalversorger und Stadtwerke haben besonders unter den Millionenverlusten bei der konventionellen Stromerzeugung zu leiden. Enervie in Südwestfalen droht nun als erster kleiner Versorger aus der Stromerzeugung komplett auszusteigen und fordert Geld für die Verluste.

Energieerzeugung© Schroptschop / Fotolia.com

Hagen (dpa/red) - Der kleine Versorger Enervie in Südwestfalen wagt den Strom-Aufstand. Das Hagener Unternehmen mit rund 400.000 Kunden hat angekündigt, all seine Kraftwerke abzuschalten, weil sie hohe Millionenverluste bringen. Solange sie aber zur Versorgung der Region weiterliefen, müsse der Netzbetreiber die roten Zahlen ausgleichen. Es ist ein spektakulärer Schritt, der bundesweit Schule machen könnte. Denn sehr viele Stadtwerke und Kommunalversorger in Deutschland leiden derzeit unter dem abgestürzten Börsenstrompreis.

Sichere Gewinne in der Vergangenheit

Im ostwestfälischen Porta Westfalica, in Mainz, Mannheim, Würzburg und eben in Hagen mussten kommunale Versorger Kraftwerke schon offiziell bei der Bundesnetzagentur zur Stilllegung anmelden - oft auch moderne Anlagen, für deren Finanzierung die Kommunen große Anstrengungen unternommen hatten. In früheren Zeiten brachten sie sichere Gewinne, aus denen dann die Verluste des Nahverkehrs ausgeglichen wurden. So sah die Rechnung vieler Kämmerer aus, rote Zahlen in der Stromerzeugung kamen darin nicht vor.

50 Millionen Euro Verlust

Nun fuhr Enervie allein 2013 mit der konventionellen Erzeugung in seinen Gas- und Kohlekraftwerken sowie einem Pumpspeicherkraftwerk rund 50 Millionen Euro Verlust ein. Der Versorger, der mehrheitlich den Städten Hagen und Lüdenscheid gehört, musste die Dividende für 2013 streichen - und auch für 2014 seien die Eigentümer vor einem möglichen Dividendenausfall gewarnt worden, sagt ein Sprecher.

Nicht an nationale Leitungen angeschlossen

Energiepolitisch sind Hagen und der Märkische Kreis am südlichen Rand des Ruhrgebietes ein Sonderfall: Die Region hat sich an die überregionalen Stromautobahnen nur unzureichend angeschlossen, in der Vergangenheit vertraute sie immer stark auf die eigene Erzeugung. Die einzige Netzkuppelstelle zur Verbindung an die großen nationalen Leitungen in Hagen soll zwar ausgebaut werden. Doch dagegen gibt es Widerstand von Anwohnern.

Region auf Kraftwerke angewiesen

Frühestens 2020 kann der Ausbau nach jetziger Planung fertig werden - wahrscheinlich erst später. Derzeit läuft ein Mediationsverfahren. Die Region ist also noch viele Jahre auf die Kraftwerke angewiesen. Wenn Enervie wirklich von heute auf morgen den Schalter umlegen würde, könnten Industrie- und Privatkunden innerhalb von 24 Stunden im Dunkeln stehen, wie das Unternehmen schon mal vorgerechnet hatte.

Wer übernimmt die Verluste?

Tatsächlich geht es aber nicht um Blackout-Drohungen - diese sind schon durch gesetzliche Vorgaben ausgeschlossen. Es geht darum, wer die noch auf Jahre anfallenden Verluste aus dem Kraftwerksbetrieb übernimmt. Aus Sicht des Netzbetreibers Amprion ist das Sache des Versorgers vor Ort. Ein nationaler Netzbetreiber müsse nur sicherstellen, dass seine Stromautobahnen in Ordnung sind.

Enervie: Netzbetreiber soll zahlen

Enervie will dagegen, dass Amprion zahlt. Dann würde sich die Zusatzbelastung auf ein Riesenunternehmen mit 27 Millionen versorgten Menschen verteilen. "Wenn Sie schon einen dicken Stein ins Wasser schmeißen müssen - dann doch lieber in einen großen See als in ihre Badewanne", sagt der Enervie-Sprecher.

Viele Stadtwerke mit Problemen

50 Euro pro Jahr und Haushalt müssten die Hagener mehr für ihren Strom zahlen, wenn sie allein die Verluste der Enervie-Kraftwerke abfangen müssten. Andererseits gibt es viele Stadtwerke mit Finanzproblemen - bundesweit rund 350 erzeugen selbst Strom, viele zu nicht mehr kostendeckenden Erlösen. Wenn nach dem Hagener Beispiel alle ihre Kraftwerke abmelden und Kompensation von den großen Netzbetreibern verlangen, könnte daraus auch "im großen See" eine erhebliche Kostenwelle entstehen, befürchten Fachleute.

Quelle: DPA