Hoffnung und Skepsis

Energiewende: Industrie sieht Potenzial eines Exportschlagers

Die Umsetzung der Energiewende ist vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) zur Chefsache erklärt worden. Gleichwohl brauche die Industrie, die 45 Prozent des Stroms hierzulande benötige, die Unterstützung der Politik. Wenn die Energiewende gelinge, könnte sie zu einem "echten Exportschlager" werden.

Netzausbau© Günter Menzl / Fotolia.com

Berlin (dapd/red) - Es werde "höchste Zeit", dass die "theoretische Betrachtung" konkreten Maßnahmen weiche, sagte BDI-Präsident Hans-Peter Keitel am Montag bei der Vorstellung der "Kompetenzinitiative Energie" in Berlin. Nur so könnten negative Auswirkungen der Energiewende auf das Industrieland Deutschland vermieden werden.

Die deutsche Industrie nehme derzeit 45 Prozent des deutschen Stroms ab. "Zugleich sind wir diejenigen, die den wesentlichen Anteil an der erfolgreichen Umsetzung der Energiewende leisten sollen, können und wollen", erklärte Keitel. Die Energiewende werde aber "weder allein durch politische Entschlüsse, noch allein durch breite Zustimmung in der Bevölkerung Realität".

Versorgungssicherheit ist ein zentrales Thema

Bedarf für Überzeugungsarbeit in den eigenen Reihen ist offenbar noch reichlich vorhanden: Laut dem ebenfalls am Montag in Berlin veröffentlichten Deutschen Energiewende-Index (DEX) der Deutschen Energieagentur (dena) befürchten rund 40 Prozent der Befragten als Konsequenz der Energiewende Nachteile für ihr Unternehmen in den kommenden zwölf Monaten. "Versorgungssicherheit und Preisentwicklung" seien derzeit "die zentralen Themen in der Industrie", berichtete dena-Geschäftsführer Stephan Kohler.

Andererseits liegt in der Energiewende nach Ansicht des BDI auch enormes Wirtschaftspotenzial. Wenn der Umstieg auf regenerative Energie und der milliardenschwere Umbau des deutschen Stromnetzes gelinge, könnte die Energiewende zu einem "echten Exportschlager" werden, sagte BDI-Präsident Keitel. In den Technikbranchen Klimaschutz und Energieeffizienz komme Deutschland auf einen Weltmarktanteil von rund 15 Prozent. Hier gebe es "zusätzliches Potenzial", betonte Keitel. Zugleich forderte er "konstruktive Gespräche mit der Politik".

Ausstieg aus dem Atomausstieg kommt nicht infrage

Die Industrie hätte vom ersten Tag des Atomausstiegs in Sachen Netzausbau "Dialogbereitschaft signalisiert", sagte der BDI-Präsident und fügte hinzu: "Leider zumeist vergeblich." Die Politik sei "an dieser Stelle zu lange mit sich selbst beschäftigt gewesen". Am im Zeichen der Nuklearkatastrophe von Fukushima beschlossenen Atomausstieg bis 2020 sei dagegen nicht zu rütteln. "Wir stellen den Atomausstieg nicht infrage", betonte der BDI-Präsident. "Wenn wir ihn auf direktem Weg nicht hinkommen, werden wir kleinere Umwege in Kauf nehmen." Zugleich stellte er klar: "Wir werden keinen Salto mortale rückwärts machen". Die Energiewende nannte er ein "Projekt von beispiellos gewaltiger Tragweite".

Um die erklärten Ziele zu erreichen, sind vom BDI drei wissenschaftliche Studien in Auftrag gegeben worden. Sie sollen unter anderem Kriterien festlegen, die das Gelingen des Atomausstiegs bis 2020 und den Umbau des deutschen Stromnetzes messbar machen sollen. Zentrale Themen seien mögliche Zusatzkosten und "die Aufrechterhaltung von Versorgungssicherheit und -qualität der Energieversorgung", sagte Marc Oliver Bettzüge, Geschäftsführender Direktor des Energiewirtschaftlichen Instituts an der Universität Köln, das eine der Studien durchführt. Erste Ergebnisse seien noch vor der Sommerpause zu erwarten.