Atomausstieg bis 2020

Energiepolitik: Kehrtwende auch beim Branchenverband

Auch die deutsche Energiewirtschaft spricht sich jetzt für einen Ausstieg aus der Kernenergie bis 2020 aus. In einer überraschenden Kehrtwende votierte der Bundesverband der Deutschen Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) am Freitag in Berlin für einen "schnellen und vollständigen Ausstieg aus der Kernenergienutzung".

Stromzähler© Gina Sanders / Fotolia.com

Berlin (dapd/red) - Möglichst schon 2020, spätestens aber 2023 soll nach dem Willen des Verbandes der letzte deutsche Reaktor vom Netz gehen, beschloss der BDE-Vorstand auf einer außerordentlichen Sitzung zur Energiepolitik. Kritik an der Entscheidung kam allerdings von den beiden größten deutschen Stromkonzernen E.ON und RWE.

Nach Japan sei alles anders

Die Entwicklungen nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima stellten eine Zäsur dar, argumentierte der Verband. Nahezu alle gesellschaftlichen Gruppen und Parteien hätten in kürzester Zeit eine Neubewertung der Kernenergie-Risiken vorgenommen. Dem könne sich die Energiewirtschaft nicht entziehen.

Allerdings drängte der Verband gleichzeitig auf eine Sicherstellung von Versorgungssicherheit, Klimaschutz und Bezahlbarkeit des Stroms. Dazu müsse das erst kürzlich vorgelegte Energiekonzept der Bundesregierung weiterentwickelt werden, verlangte der Verband. Nur so könne die notwendige Akzeptanz für den Umbau hin zu einer Energieerzeugung der Zukunft gewährleistet werden.

BDEW-Präsident Ewald Woste betonte, neben der Beschleunigung des Ausbaus der erneuerbaren Energien würden die fossilen Energieträger Kohle und Erdgas noch für lange Zeit unverzichtbar für eine zuverlässige und wirtschaftliche Energieversorgung sein. Diese Rolle sei im bisherigen Energiekonzept weitgehend unberücksichtigt geblieben.

E.ON prüft Mitgliedschaft im BDEW

Der Verband ermutigt die Bundesregierung ausdrücklich, den Erneuerungsprozess nun kurzfristig zu starten und entschieden zu verfolgen. Dazu gehöre aber auch ein strukturierter Dialog mit der Energiewirtschaft und anderen betroffenen Akteuren. "Wir erwarten von der Bundesregierung und den Bundesländern, diese bislang verpasste Chance nun aufzugreifen, um dringliche Fragen umfassend und ohne Denkblockaden zu adressieren und Lösungen voranzutreiben." Der BDEW wolle seinen Beitrag dazu leisten.

Allerdings stieß die Kehrtwende des Verbandes nicht bei allen großen Stromkonzernen auf Zustimmung. Deutschlands größter Energieversorger E.ON ging in einer ersten Reaktion auf Distanz zum BDEW-Beschluss. Auf Anfrage erklärte das Unternehmen: E.ON halte die vom BDEW beschlossene Festlegung auf konkrete Jahreszahlen für eine Abschaltung der Kernkraftwerke in Deutschland für "grundsätzlich falsch" und trage sie nicht mit. Erst müsse eine neue Energiestrategie für Deutschland erarbeitet werden, bevor neue Ausstiegsdaten terminiert werden könnten.

Auch Konkurrent RWE plädierte in der Laufzeitenfrage unverändert für einen ergebnisoffenen Prozess. Ein E.ON-Sprecher betonte, der Konzern werde seine Mitgliedschaft im BDEW vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklung prüfen.