Ursachenforschung

Energieexperten rechnen mit häufigeren Stromausfällen

Energieexperten erwarten, dass es Stromausfälle wie Samstagnacht häufiger geben wird. Das Energieforschungsinstitut EEFA verweist auf Schwankungen durch die "unkoordinierte" Einspeisung von Ökostrom, eine aktuelle Studie des Beratungsunternehmens Capgemini auf schwindende Reservekapazitäten.

Stromtarife© Andre Bonn / Fotolia.com

Düsseldorf (ddp-nrw/sm) - "Vor allem wegen der unkoordinierten, stetig zunehmenden Einspeisung regenerativer Energien ins Netz sind häufigere Stromausfälle nicht auszuschließen", sagte Bernhard Hillebrand, Chef des Berliner Energieforschungsinstituts EEFA, der in Düsseldorf erscheinenden "Rheinischen Post".

Gegenwärtig sind die Netzbetreiber in Deutschland verpflichtet, jede per Windkraft erzeugte Strommenge auch abzunehmen. "An windreichen Tagen ist das Aufkommen an Windstrom vor allem in Norddeutschland deutlich höher als der Verbrauch", sagt der Experte. Dann leiten die deutschen Konzerne den Strom nach Polen oder in die Niederlande ab. Gelingt dies nicht, glühen im übertragenen Sinn die Drähte. Hillebrand forderte: "Regenerative Energiequellen sollten in absehbarer Zeit wie konventionelle Stromanbieter auch zum Lastmanagement angehalten werden Strom also nur dann einspeisen, wenn der entsprechende Bedarf vorhanden ist." Überschüssige Energie müssten sie dann etwa im Pumpspeicherwerken lagern.

Der Bundesverband Windenergie (BWE) hat eine mögliche Mitverantwortung der Stromeinspeisung von Windkraftanlagen für die Stromausfälle am Samstagabend zurückgewiesen. "Diese Anschuldigen sind nicht nachvollziehbar: Weder hatten wir Starkwind noch eine starke Stromnachfrage wie an Werktagen", sagte BWE-Präsident Peter Ahmels am Montag in Berlin. Auch die Prognose für das Windangebot sei ausreichend gewesen, um die Netze sicher betreiben zu können.

Bis zum Zeitpunkt des Stromausfalls am Samstag um 22.10 Uhr trug die Windenergie den Angaben zufolge mit rund 5800 Megawatt - knapp 30 Prozent der installierten Leistung - zur Stromerzeugung in Deutschland bei. Nach bisher vorliegenden Aussagen hätten alle Windkraftanlagen auf die Frequenzabweichungen im Verbundnetz, wie von den Netzbetreibern in den Netzanschlussbedingungen vorgesehen, reagiert. Bei hoher Über- oder Unterfrequenz sehen diese das vorübergehende Abschalten der Anlagen vor, um die Nachfrage und das Angebot von Strom wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

Auch Bundesumweltminister Gabriel teilt Erklärungen, wonach die Einspeisung von Windenergie in das Stromnetz für die Ausfälle verantwortlich war, nicht. "Das ist mindestens eine sehr eigene Interpretation des Problems", sagte der Minister. Gleichzeitig machte sich Gabriel für den weiteren Ausbau der Windenergie stark.

Die steigende Gefahr von Stromausfällen beziehungsweise Stromschwankungen in Europa betont das kürzlich veröffentlichte European Energy Markets Observatory der Management und IT-Beratung Capgemini. Die Gründe lägen in einem deutlichen Verbrauchsanstieg bei nur geringen Kapazitätserweiterungen und extremen Wetterbedingungen. So habe beispielsweise der vermehrte Einsatz von Klimageräten im heißen Sommer neben dem traditionellen Winterhoch zu einer zweiten Verbrauchspitze im Jahr geführt. Ebenso führten die geringen Niederschläge in Spanien und Frankreich zu einem Kapazitätsengpass.

"Die schwindenden Reservekapazitäten sind ein deutlicher Weckruf für alle Politiker aber auch die Energieindustrie. Strom kommt eben auf Dauer nicht wie selbstverständlich aus der Steckdose", so Bernd Wöllner, Leiter der Beratungssparte Energy & Utilities bei Capgemini. "Investitionen in Erzeugungskapazitäten und Leitungsnetze sollten jetzt ganz oben auf der Agenda stehen."

In der Nacht zu Sonntag war in weiten Teilen Europas für bis zu anderthalb Stunden der Strom ausgefallen. Millionen Menschen saßen im Dunklen oder in Fahrstühlen fest. Als Ursache vermutet der Energieversorger E.ON, dass die plangemäße Abschaltung einer 380 Kilovolt Hochspannungsleitung über den Fluss Ems in Niedersachsen das Chaos ausgelöst haben könnte.

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